Los von Rom

Traditionsfahnen aus ganz Tirol

Traditionsfahnen aus ganz Tirol

Noch immer – seit nunmehr 90 Jahren – steht Süd-Tirol unter italienischer Herrschaft. Bei einem Festumzug in Innsbruck machten die Teilnehmer ihrem Unmut darüber jetzt Luft.

Er mag sich zum Sterben nicht hinknien. Aufrecht stehen will der 43jährige Mann, wenn das französische Hinrichtungskommando auf ihn schießt. „Will sterben, wie ich stehe, will sterben wie ich stritt!“ ruft er seinen Kameraden zu, und: „Gott sei mit euch, mit dem verrat’nen deutschen Reich, und mit dem Land Tirol“, bevor ihn die Kugeln niederstrecken.

Selbst Niederlagen können mächtige Mythen erzeugen. Das beweist der Tod von Andreas Hofer vor 200 Jahren, der in der Tiroler Landeshymne in sechs dramatischen Strophen beschworen wird und identitätsstiftend ist bis heute für den kleinen rebellischen deutschen Stamm der Tiroler nördlich und südlich der Brennergrenze zwischen Österreich und Italien.

Gepflegte Skipisten, knackgrüne Almen, blumengeschmückte Holzhäuser, einsame Gipfelkreuze, Weinberge und Apfelplantagen – so kennen Millionen von Urlaubern Nord- und Süd-Tirol. Die meisten dieser Gäste stehen ratlos vor der Zeile: „Es blutete der Brüder Herz, ganz Deutschland, ach in Schmach und Schmerz“, in der Tiroler Landeshymne, weil Schulen und Medien es seit Jahrzehnten versäumen, uns unsere eigene gesamtdeutsche Geschichte in ihren großen Zusammenhängen nahezubringen. Es war ein gesamtdeutscher Freiheitskampf gegen den französischen Imperialisten Napoleon, den Andreas Hofer 1809 im Süden anführte, während Ferdinand Schill im Norden den Diktator attackierte und Johann Gottlieb Fichte und Ernst-Moritz Arndt die französische Fremdherrschaft mit der Waffe des Wortes angriffen.

Auch wenn der Volksaufstand von Tirol 1809 nicht zum Erfolg führte, so wurde doch des 200. Jahrestages in Tirol durch zahlreiche Maßnahmen gedacht. Die größte Veranstaltung bildete im September 2009 der Tiroler Festumzug in der Landeshauptstadt Innsbruck mit 30.000 Umzugsteilnehmern aus allen Teilen Tirols und über 70.000 Zuschauern. Um den Umzug hatte es zuvor eine monatelange Kontroverse gegeben, denn die in Süd-Tirol regierende Südtiroler Volkspartei (SVP) und der Nordtiroler Landeshauptmann (Ministerpräsident) von der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) wollten einen unpolitischen, einen rein folkloristischen Trachtenumzug. Da hatten sie allerdings die Rechnung ohne den Südtiroler Schützenbund gemacht, denn für den gab es noch ein weiteres unerfreuliches Jubiäum zu begehen: Vor 90 Jahren, nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, wurde der Süden Tirols von Italien besetzt. Seitdem ist das stolze Land am Brenner geteilt. Die Südtiroler Schützen wollen das nicht länger hinnehmen. Immer lauter wird der Ruf nach Selbstbestimmung, insbesondere in den Reihen der Südtiroler Jugend. Gleich drei Pro-Vereinigungs-Parteien – Freiheitliche, Süd-Tiroler Freiheit und Union für Südtirol – setzen inzwischen die in Bozen regierende SVP mit spektakulären Wahlerfolgen unter Druck und wollen endlich „los von Rom“ und zurück zum österreichischen Vaterland. Diese Forderung wollten die Schützen nun auch auf möglichst vielen Transparenten im Festumzug sehen.

Um es kurz zu machen: Sie haben sich durchgesetzt. „Der Freiheit entgegen“, „Selbstbestimmung für Süd-Tirol“ und „Dem Land Tirol die Treue“, so lauteten die im Zuge mitgeführten Transparante, und Beifall und Jubel brandete unter den Zuschauern auf, wenn solche Losungen vorbeigetragen wurden.

Auf Österreich und Italien kommen schwierige Zeiten zu. Während die italienische Regierung die mühsam errungene Verwaltungsautonomie für Süd-Tirol unter ihrem postfaschistischen Außenminister Franco Frattini neuerdings wieder infragestellt, hatte Wien darauf gehofft, die Südtiroler Bevölkerung sei durch Wohlstand ausreichend ruhiggestellt und das leidige Thema wäre damit ein für allemal vom Tisch. Doch eine neue junge Generation in Nord- und Süd-Tirol macht beiden nun einen Strich durch die Rechnung. Das gerade ausklingende Gedenkjahr hat deutlich gemacht: Die Frage der Tiroler Landeseinheit steht wieder auf der Tagesordnung.

Hans-Peter Martens

Schlagworte:

Kommentieren ist momentan nicht möglich.