Am 13. Februar jedes Jahres wollen die Bürger Dresdens nur eines: In Ruhe und Würde um ihre Mitbürger, Familienmitglieder, Landsleute und ihre wunderschöne Altstadt trauern, die am 13. und 14. Februar 1945 im Bomben-Inferno der Royal Air Force und der US Air Force untergingen. Die Bürger Dresdens – immer etwas eigen, immer etwas starrköpfig – trauten sich bereits in Zeiten der SED-Diktatur, auf die Straße zu gehen, um ihrer Toten zu gedenken. Auch heute noch brennen weiße Kerzen zum Gedenken. Auch heute noch versammeln sich die Dresdner ruhig vor der Frauenkirche, um innezuhalten und eines der schlimmsten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges zu gedenken: Des militärisch sinnlosen Massenmordes an den Dresdnern und den in der Stadt befindlichen Vertriebenen aus Schlesien und aus dem Sudetenland am Ende des Zweiten Weltkrieges. Doch die Opfer geraten immer mehr in den Hintergrund der Wahrnehmung und der medialen Berichterstattung. Noch schlimmer ist: Das eigentliche Anliegen dieses Trauertages wird von politischen Gruppen für ihre heutigen Ziele mißbraucht.
Die von Politik und Medien gelenkte mediale Wahrnehmung konzentriert sich auf vermeintliche „Neonazis“, die angeblich das Gedenken „instrumentalisieren“, die „Geschichte verfälschen“ und die „deutschen Verbrechen relativieren“.
Daher mobilisieren Gruppierungen aus dem linksextremen Spektrum der bundesdeutschen Regenbogengesellschaft ihre Fußtruppen, um das stille Gedenken zu stoppen, zu stören und mit Füßen zu treten. In Bussen reisen sie an, über ihnen schwarze und schwarz-rote Fahnen, sie skandieren „No Pasaran!“ (kommunistischer Kampfruf aus dem spanischen Bürgerkrieg), und prosten sich am Vorabend der Gegen-Demo mit Rotwein und Bier Mut zu. Natürlich geht es hier nicht mehr um Dresden, die Hunderttausende Bombentoten. Nein, es geht nur darum, politisch unliebsame Gruppen von Menschen an ihrem stillen Gedenken zu hindern. Die überwiegend jungen Linken haben so ziemlich alle wichtigen Termine verpaßt, um sich mit echten Revoluzzer-Lorbeeren zu schmücken. Zu jung für Kuba oder Chile (Che oder Allende), Paris oder Berkeley (Cohn-Bendit oder Abbie Hoffman), den SDS oder die RAF (Dutschke oder Baader-Meinhof) müssen sie sich ihre Sporen auf reinen Prügel- und Brandstifter-Orgien am 1. Mai in Hannover oder Berlin-Kreuzberg verdienen. Und so reist man denn nach Dresden, weil hier wenigstens der Gegner eine eindrucksvolle Figur abgibt. Vielleicht kann man sich als Nachwuchs-Anarchist ja angesichts Tausender marschierender Feinde bewähren.
Seit Mitte der 90er Jahre ist Dresden nämlich Schauplatz einer Veranstaltung der „Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland“ (JLO). Was klein begann, entwickelte sich zum Treffpunkt für patriotische Gruppierungen aus allen deutschen Ländern und für deren Nachbarn. Heute bezeichnen linksextreme Gruppen das Gedenken als „größten Neonazi-Aufmarsch in Europa“. 2009 versammelten sich ca. 6–7.000 Teilnehmer in der Dresdner Innenstadt, um der Bombenopfer des 13. Februar 1945 zu gedenken. Ihnen gegenüber standen fast ebensoviele Aktivisten in einer bunten Mischung aus Gegendemo, Anarcho-Happening und sozialdemokratischer Pflichtveranstaltung (Gewerkschaften, Parteien, Kirchen, Vereine). Ein beschämendes Patt für das organisierte Gutmenschentum.
- Polizisten riegeln am Bahnhof Neustadt die Gedenkveranstaltung für die Bombenopfer von Dresden ab.
- Die Linken-Bundestagsabgeordnete Katja Kipping spricht auf einer linksradikalen Kundgebung.
- Spott und Hohn: Trauermarsch-Gegner kostümieren sich als Clowns.
- Die Teilnehmer des Trauermarsches dürfen trotz gerichtlicher Erlaubnis den Platz vor dem Bahnhof nicht verlassen.
- Gespräch zwischen Extremisten und Polizei: Linken-Politiker Bodo Ramelow (in roter Jacke) klärt mit der Bundespolizei einige Fragen.
- Störung des Totengedenkens durch linke Randalierer: „Deutsche Täter sind keine Opfer!“
Ein Jahr später erhöhte sich daher die Schlagzahl „gegen Rechts“: Zum 13. Februar 2010 rief die Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) zum fast vergessenen Mobilisierungsinstrument der Menschenkette: Das, was sich in den frühen 90er Jahren als „Zeichen gegen Rechts“ nach den angeblich fremdenfeindlichen Anschlägen von Lübeck oder Sebnitz bewährt und zuletzt in Ludwigshafen noch einmal hoffnungsfroh manifestiert hatte, wurde nun wiederbelebt. Und so mobilisierten Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und Vereine mit „Courage“ im Namen ihre organisierten Mitglieder für eine Abwehrmaßnahme gegen ein Phantom. Unter dem Motto „Für eine weltoffene Stadt. Gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit“ sollte die menschliche Mauer die weltoffene Stadt abriegeln und fremde Feinde draußen halten.
Doch so viel Courage war gar nicht nötig. Denn die Polizeiführung hatte längst beschlossen, die politischen Gegner räumlich zu trennen. Hatte der Trauermarsch 2009 die Innenstadt klar dominiert und Tausende Dresdner gehörig beeindruckt, so wurde die Trauerveranstaltung dieses Mal in die Neustadt verbannt. Getrennt durch die Elbe sollten die einen der Toten gedenken, die anderen wiederum gegen die einen protestieren und die in der Mitte mutig gegen „Gewalt und Fremdenfeindlichkeit“ herumstehen.
Ein wirklich guter Plan der Polizei, doch er ging nicht auf. Denn zum Leidwesen der Bewohner der Neustadt hielten sich die linksextremen Gruppierungen – zusammengefaßt im Netzwerk „Dresden nazifrei“ – nicht an die behördlichen Auflagen. Lange geplant riefen die Linksaktivisten „spontan“ zu Sperrmaßnahmen auf. In der Folge brach der Verkehr zusammen, Straßen und Bahnschienen wurden blockiert, die große Zahl der nicht-teilnehmenden Bevölkerung konnte sehen, wie sie von A nach B gelangte. Eine Chronik:
10.00 Uhr: Am Albertplatz – dem zentralen Platz der Neustadt – versammeln sich die üblichen Verdächtigen: Linke, DKP, „MLPD“, „Antifaschistische Aktion“ – kurz: Kommunisten in allen Schattierungen und unter vielen irreführenden Namen, die ihre wahre, menschenverachtende Überzeugung verheimlichen sollen.
11.00 Uhr, Heidefriedhof: Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU), Oberbürgermeisterin Helma Orosz und andere Parteienvertreter legen Kränze an einem Mahnmal für die Bombenopfer nieder. Auch der evangelische Landesbischof Jochen Bohl und der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, nehmen teil.
Bereits 2009 hatte man sich darauf geeinigt, daß nur die Oberbürgermeisterin eine Rede halten dürfe. Sie gedenkt „aller Opfer jenes verdammten Krieges, der nur dank des Sieges der Opfer über die Täter, nämlich Nazi-Deutschland“ ein Ende gefunden habe.
11.30 Uhr, Neustadt, Bischofsweg/ Ecke Königsbrücker Str.: Hier sollte eigentlich eine vom Bündnisgrünen Oliver Mehl als Kundgebung getarnte Blockade stehen. Doch davon ist weit und breit nichts zu sehen. Nur ein versprengtes Grüppchen Linksextremer steht orientierungslos an der Straßenecke. Bis ein braun lackierter Reisebus aus Ansbach in die Straße einbiegt und halb auf dem Gehsteig parkt. Die Blockwarte kommen aus dem Staunen nicht mehr raus: Echte Rechte! Der Feind! In persona! Was tun? Erst mal Alarm rufen: „Alerta, alerta, Antifacista!“ Dann per Mobiltelefon Verstärkung anfordern. Der Kampfruf animiert ein paar Jungs zum Hinterherrennen, wild Pöbeln und – Schneeballwerfen. Ein ganz Mutiger traut sich sogar, aus einer Hofeinfahrt heraus einen Stein zu schleudern. Ansonsten bleibt die Truppe aus Franken unbehelligt, wird von der allseits postierten Polizei in die nächste Straße durchgelassen, die zum Bahnhof Neustadt, dem Versammlungsplatz, führt. Ich schlüpfe mit hindurch.
13.30 Uhr: Neustadt, Schlesischer Platz: Der Bahnhofsvorplatz ist schon seit dem Vorabend mit Gittern abgesperrt. Keine Bahn fährt, da die Linksextremen sämtliche Zufahrten sowie die Bahngeleise blockieren. Deren Plan, so die genehmigte Kundgebung zu schwächen, scheint aufzugehen: 90 Minuten nach dem offiziellen Beginn kann Anmelder und JLO-Landesvorsitzender Kai Pfürstinger nur ca. 1.300 Anwesende begrüßen. Tausende Teilnehmer seien noch unterwegs. Die Zeit wird mit dem Verlesen der ellenlangen Auflagen überbrückt.
14.15 Uhr: Dammweg/Dr.-Friedrich-Wolf-Straße: Einige der fehlenden Tausendschaften des Trauerzuges treffen vor dem Bahnhof ein. Ein endloser Zug von Teilnehmern wälzt sich die Straße entlang. Die Blockaden der Linken haben nicht gehalten bzw. wurden von der Polizei geräumt. Ich frage die beiden netten Beamten aus Vorpommern nach der vorgesehenen Strecke für den Demonstrationszug. Gerüchteweise ist vom Stadtteil Pieschen die Rede. Sie lächeln wissend, sagen, daß es eine genehmigte Strecke gibt, die sie mir aber nicht verraten dürfen. Eine Polizeisprecherin drängt die eintreffenden Teilnehmer im Fünf-Minuten-Takt, auf den Platz zu gehen. „Rücken Sie durch, damit alle Teilnehmer Platz haben! Ende der Durchsage, 14.28 Uhr!“ Nichtahnend, daß sie sich in einen polizeilich geplanten Kessel begeben, folgen die Teilnehmer der Aufforderung. Ein Pressesprecher der Polizei gibt die momentane Teilnehmerzahl mit 5.000 an. Nach Polizeiangaben wächst die Zahl bis 17.00 Uhr noch auf 6.400 Teilnehmer an. Und Tausende warten noch außerhalb der Gitter, vor Polizeisperren an den Elbebrücken, auf Autobahnraststätten herausgewunken und an demolierten PKWs und entglasten Autobussen. Es ist wohl wahr: Bei gesetzeskonformem Verhalten der Polizei hätte sich an diesem 13. Februar ein Trauerzug von mehr als 10.000 – meist jungen – völlig friedlichen Teilnehmern stundenlang durch Dresden bewegt.
15.15 Uhr, Schlesischer Platz Westseite. Warten auf den Abmarsch. Da platzt die Bombe: Die Polizeisprecherin meldet sich wieder per Megaphon: „Die Sicherheit Ihres Aufzuges kann nicht gewährleistet werden. Daher findet die Kundgebung stationär statt.“ Die Durchsage kommt nicht bei allen Teilnehmern an. Erst nach einigen Wiederholungen sickert die Bedeutung der Polizei-Durchsage ein: Was das Oberverwaltungsgericht noch zwei Tage vor der Kundgebung erlaubt hatte – nämlich den freien Zug der Teilnehmer durch die Stadt – unterbindet nun die Polizeiführung unter Hinweis auf Gefahren, die sie letztlich selber heraufbeschworen hat. Denn später heißt es, daß schon vor Beginn der Kundgebung klar war, daß die Polizei die Blockaden der Kommunisten nicht räumen würde. Ein raffiniertes Zusammenwirken zwischen Behörden, der Polizei, linksextremistischen Demonstranten und etablierten Politikern. So kann geltendes Recht ausgehebelt werden – der Druck der Straße obsiegt einmal mehr über die verfassungsmäßig garantierte Versammlungsfreiheit. Selbst der Chemnitzer Politikwissenschaftler und Extremismusexperte Eckhard Jesse wird später dieses bizarre Bündnis gegen das geltende Recht kritisieren. Die Gegner der JLO hätten sich damit „über Recht und Gesetz hinweggesetzt“. Wenn Gerichte entschieden, daß die Demonstration erlaubt sei, müsse diese auch gewährt werden. Die Verhinderung des Trauermarsches nannte Jesse eine „Niederlage für den Rechtsstaat“. Im Triumphgeheul des Verhinderungsbündnisses gehen solche Meinungen unter.
Ich gehe zurück an die Ostseite des Platzes, die beiden netten Polizeibeamten strahlen mich an: „Na, schon gehört?“ Allerdings. „Wir wußten es natürlich schon lange, aber durften es nicht verraten.“ Die angeblich der aktuellen Lageeinschätzung geschuldete Entscheidung für die „Sicherheit“ der Kundgebung stand also in Wirklichkeit schon seit Stunden fest.
15.30 Uhr, Schlesischer Platz, Südseite: Einer, der sich janz dolle über die Entwicklung der Lage freut, ist Alt-Revoluzzer Christian Ströbele. Der Ewige Grüne aus Berlin-Mitte stolziert herum wie ein Pfau – obwohl sein grüner Kollege aus Dresden, Johannes Lichdi, es nicht hingekriegt hat, eine Gegendemonstration in der Neustadt anzumelden. Auf meine Frage spricht er stolz von 10.000 Teilnehmern an der offiziell verordneten Menschenkette. Was die Polizei da macht, findet er auch gut – das hätte sich vor Brokdorf noch ganz anders angehört.
15.45, Schlesischer Platz, Nordseite: Noch ein engagierter Linksmensch zeigt Flagge: Bodo Ramelow, Fast-Ministerpräsident von Thüringen, dient sich bei der Polizei als Parlamentär an. Er will den Abzug der „Netzwerker gegen Nazis“-Demonstranten besprechen, damit es keine Prügeleien am Schluß der Trauerkundgebung gibt. Doch die Polizei hat eigene Pläne, benötigt seine Dienste nicht. Dem MDR spricht Ramelow dann noch ein paar geistreiche Bemerkungen über deutsche Verbrechen, braunen Ungeist und Leugnung des Holocaust in die Kamera. Anschließend kann sich die kleine Links-Fraktion zufrieden mit Kaffee aus der mitgebrachten Thermoskanne zuprosten. Man hat seine Ziele offensichtlich erreicht – wenn auch nicht mit demokratischen Mitteln, denn keine der kurzfristig angemeldeten „Kundgebungen“ der linken Protestler war genehmigt.
2009 hatten die Gutmenschen aus SPD, Grünen und Linken, Gewerkschaften und Kirchen den Theaterplatz vor der Semperoper als Veranstaltungsort für ihr „GehDenken“ gewählt. Was sich hier entspann, hatte rein gar nichts mit Gedenken – oder Denken – zu tun, denn es war wie eine übliche Partei-Party mit Freßbuden, Dauerreden von Dauerrednern (Wolfgang Thierse, Claudia Roth, Michael Sommer, Gregor Gysi) vor einer ziemlich gelangweilten, unruhigen Menge von Partei-, Gewerkschafts- und sonstigen Mitgliedern, die zu der Pflichtveranstaltung des guten Gewissens gekarrt worden waren. Als dann Annetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung auch noch ihr Projekt „Laut gegen Nazis“ zusammen mit einigen Pop-Musikern auf der riesigen Bühne vorstellte, war die bunte „Volxfest“-Stimmung perfekt, der Bezug zum 13. Februar jedoch himmelweit entfernt. Während sich das Party-Publikum die Zeit mit Tanzen, Telefonieren und Döner Futtern vertrieb, machten die nationalen Kräfte genau das, wozu sie nach Dresden angereist waren: Sie gedachten würdig der Toten.
Die JLO und alle anderen Teilnehmer am Trauermarsch hatten 2009 eindeutig die Nase vorn: Man ging geduldig durch die Instanzen der Justiz, versammelte sich pünktlich, hielt sich an sämtliche Auflagen des Ordnungsamtes und schritt würdevoll – ohne Geschnatter, ohne Parolen, ohne Bierflaschen und ohne zu rauchen – den vereinbarten Weg durch die Reste von Dresdens historischer Innenstadt ab. Das beeindruckte auch den Normalbürger. Ganz nebenbei zeigte man den Unpolitischen und dem Gegner, daß diese Manifestation angemessenen Gedenkens keine Provinzveranstaltung ist. Der JLO gelingt es mittlerweile, Gruppierungen und Sympathisanten aus ganz Europa nach Dresden zu holen. Im Zug eingereiht finden sich Teilnehmer aus allen Bundesländern, aus Österreich, der Tschechei, der Slowakei, aus Ungarn, Frankreich, Spanien, aus Belgien und Schweden. Bedenklich sollte den aufgeschlossenen Beobachter stimmen, daß Hunderte von Beteiligten aus Ländern kommen, die vor zwei Generationen von der verteufelten Wehrmacht okkupiert wurden. Haben denn diese jungen Leute in der Schule gar nicht aufgepaßt?
Der Tiefpunkt der traurigen Tage von Dresden 2009 kam jedoch am Sonntag vormittag. Am 14. Februar um 11.30 Uhr stand die Enthüllung einer Gedenktafel auf dem Programm. Nur eine Handvoll – meist älterer – Dresdner versammelte sich auf dem Altmarkt. Hier, wo 1945 Tausende von Leichen unwürdig aufeinander gestapelt und hastig verbrannt worden waren, wollte die Stadt an die unschuldigen Opfer erinnern und den Überlebenden einen Platz zur Erinnerung stiften. Aber was dabei herauskam, war nichts weniger als ein Skandal – der ganz bewußt nicht als solcher dargestellt wurde. Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) hielt damals eine knappe Ansprache, in der sie pflichtgemäß darauf hinwies, daß Rechtsextreme die Geschichte verfälschten und in ihrer Stadt nichts zu suchen hätten. Dann enthüllte sie die Gedenktafel. Auf dem riesigen Altmarkt, im Schatten der beeindruckenden Kreuzkirche, schritt die Christdemokratin an die halbhohe Einfassung einer Treppe, die zur Tiefgarage unter dem Platz führt, zupfte an einem Tuch, und dahinter kam eine schmale Stahltafel zum Vorschein, auf der in kaum lesbarer Schrift (mittlerweile ersetzt) zur Bombardierung Dresdens zu lesen stand: „…Damals kehrte der Schrecken des Krieges, von Deutschland aus in alle Welt getragen, auch in unsere Stadt zurück.“ Die CDU war also endlich auch in Dresden in der nach linksaußen gerückten Mitte der „Zivilgesellschaft“ angekommen. Als das weiße Tuch fiel, waren die anwesenden ca. 150 Dresdner stumm. Kein Laut war zu hören, kein Beifall regte sich. Nein, das war keine Schweigeminute. Stattdessen blies der umtriebige Trompeter Ludwig Güttler auf seinem Instrument. Nach 15 Minuten war der Spuk vorbei. 2009 hatte das bürgerliche Lager komplett das Heft des Handelns verloren. Vor der Oper feierte sich das linke Establishment lautstark selbst, am Postplatz prügelte sich die Polizei mit linken Clowns und Chaoten, und mitten durch die Altstadt – ungestört und von vielen Dresdnern wahrgenommen – marschierte der Trauerzug der Nationalen. Das sollte nicht noch einmal passieren.
19.00 Uhr, Neumarkt: Im Schatten der Frauenkirche rufen die Stiftung Frauenkirche und die Gesellschaft zur Förderung der Frauenkirche zu ihrer Gedenkveranstaltung. Es ist dunkel. An der hellen Sandsteinfassade der Kirche flackert die Projektion einer weißen Kerze, des traditionellen Symbols der Trauergemeinde. Der Kammerchor stimmt ein Lied an. Es wird untermalt vom Knattern der Polizeihubschrauber, die seit Stunden den Himmel über der Stadt durchfliegen. Ein makaberes Schauspiel: Die älteren Dresdner heben ihre Augen in den Nachthimmel und erinnern sich an die Motorgeräusche der feindlichen Bomber. Für sie muß diese Kakophonie furchtbar sein.
Wie auf Befehl ertönen Trillerpfeifen, Druckluftsirenen und Schmäh-Parolen: „Deutsche Täter sind keine Opfer!“ und „Nie wieder Deutschland“. Ein versprengtes Häuflein linksradikaler Jugendlicher hat die Absperrung passiert und stört nun gedanken- und gefühllos jene Gedenkveranstaltung, an der die Dresdner noch am meisten unter sich, bei sich, sind. Die älteren Männer, die als Ordner fungieren sollen, haben keine Chance gegen die aufgehetzten Störer. Auf den Hinweis, daß man hier um Kriegstote trauere, schallt ihnen nur „Ihr seid doch selber Schuld!“ und noch einmal „Nie wieder Deutschland!“ entgegen. Plötzlich fliegen Schneebälle, ein Mann wird am Auge getroffen. Die Situation eskaliert, endet in einem Gerangel. Es dauert erstaunlich lange, bis die Polizei eintrifft und die Chaoten verjagt.
21.45 Uhr: Die Glocken der Frauenkirche läuten zum Gedenken. Der schönste Moment des Tages. Endlich Frieden. Heute, jetzt, zu dieser Stunde, vor 65 Jahren übertönte das Dröhnen der ersten 244 britischen Bomber dieses friedliche Geläut. Danach sollten die Glocken für 58 Jahre schweigen.
Roger Szrenec
Alle nicht besonders gekennzeichneten Fotos stammen vom Verfasser.
Schlagworte: Dresden, Trauermarsch







