Arbeiteraufstand in der Westzone

In Salzgitter fand der "17. Juni" schon 1950 statt.

In Salzgitter fand der "17. Juni" schon 1950 statt.

Es wird gesprengt! – Wie ein Lauffeuer verbreitet sich am 6. März 1950 in den verbliebenen Hallen der Reichswerke AG in Salzgitter die Nachricht, daß die Engländer mit Bohrgerät die Sprengung der Fundamente der Kokerei II vorbereiten.

Seit 1948 läuft die Demontage der oberirdischen Anlagen der Reichswerke durch die Alliierten. Nun aber hat die britische Militärregierung auch die Zerstörung der verbliebenen Reste befohlen. Die Vernichtung von Hallen, Schienen, Straßen und Leitungen – 14 Quadratkilometer Betriebsfläche! – würde die Möglichkeit zunichte machen, nach Beendigung der Demontage in bescheidenem Umfang mit dem Neuaufbau von Hochöfen und Walzanlagen zu beginnen. Die Sprengungen, die auf eine völlige Austilgung der Reichswerke zielen, sind eine in der bisherigen Demontagepraxis unbekannte Neuerung, blieben in den demontierten Betrieben doch bisher in der Regel die nackten Werksgelände unangetastet. Die gegen die Reichswerke gerichteten Maßnahmen haben sich seit Jahren gesteigert. Jetzt sind die Arbeiter nicht mehr willens, bei Protestkund­gebungen nur Spruchbänder gegen den Abbau ihrer Arbeitsplätze zu tragen. Die Engländer haben den Bogen überspannt. Der Zeitzeuge Erich Sewald, späterer Aufsichtsrat der Salzgitter AG, berichtet über die Stimmung der verzweifelten Arbeiter: „Allen war bewußt, daß mit der Zerstörung der Fundamente die Hütte in eine Betonwüste, in eine Kraterlandschaft verwandelt würde. Salzgitter wäre ein Elendsgebiet, ein Wiederaufbau unmöglich. In der hoffnungslosen Lage waren wir zu allem fähig.“

Bereits am 2. März 1950 haben Arbeiter der Kokereiwerkstatt mit Brennern die auf die Fundamente verzurrten Bohrvorrichtungen zerschnitten. Das beherzte Einschreiten ist der zündende Funke für weitere Aktionen der Belegschaft gegen die Demontage. Nach einer kurzen Ruhe vor dem Sturm – die Zerstörungsarbeiten werden über das Wochenende eingestellt – soll am Montag, den 6. März 1950 wieder gesprengt werden!

Der Arbeiter Herbert Jentsch erinnert sich: „Wir ließen alles stehen und liegen und machten uns auf den Weg. Wir marschierten geordnet in Richtung Kokerei.“ Unterwegs schließen sich Kollegen aus weiteren Betrieben an. Die meisten Leute des Sprengkommandos ergreifen sofort die Flucht. Wachleute setzen sich zur Wehr. Nach kurzen Tätlichkeiten werden sie verjagt. „Wir waren nun entschlossen, Nägel mit Köpfen zu machen.“ Die deutschen Demontage­arbeiter werden von ihnen aufgefordert, sich solidarisch zu erklären. Wie können Sie sich daran beteiligen, den Broterwerb ihrer Brüder und Schwestern zu vernichten? Unter dem Beifall ihrer Landsleute werfen sie ihr Demontagewerkzeug weg. Jentsch und die anderen reißen die Zündschnüre und Sprengladungen aus den Fundamenten. Nahezu 4.000 Mann der Hüttenbelegschaft sind zu allem bereit. Die Demontage stoppen! Die Seile der Demontagemasten an den Hochöfen werden gekappt, die Masten zum Einsturz gebracht, die Winden mit den Vorschlaghämmern zerschlagen, alle Werkzeuge und Büroeinrichtungen der Demontagefirmen vernichtet.

Die aufgebrachte Menge marschiert weiter zum englischen Stab. Obwohl kein einziger Soldat der englischen Besatzungsmacht angegriffen wird, verlassen diese panikartig das Hüttengelände. Ein englisches Militärauto mit vier beobachtenden Offizieren wird von der Menge gestoppt. Die Offiziere kommen der Aufforderung zum Aussteigen nicht nach. Kurzerhand wird das Auto samt Insassen auf den Kopf gestellt.

Die Engländer fordern deutsche Polizei an. Die weigert sich für die Besatzer einzugreifen. Laut Bericht des englischen Assistant Inspector General Hayword an den Land Commissioner vom 10. März 1950 antwortet der deutsche Polizeikommandant auf die Verstärkungsanforderung der Briten: „Das ist eine Angelegenheit der britischen Armee. Sie können von mir nicht erwarten, daß ich meine Hand dazu hergebe, Brot und Butter aus dem Mund der Deutschen zu nehmen.“ Ernst Franz erinnert sich: „Das hat dem Kommandeur der Hundertschaft anschließend einen Prozeß und ein Disziplinarverfahren eingebracht.“

Was braut sich da zusammen? In hastiger Eile besetzt das englische Militär die Hütte mit starken Infanteriekräften und Panzern. Die Nerven liegen bei den Truppen der britischen Militärverwaltung blank. Englische Soldaten stehen mit ihren Gewehren der unbewaffneten Menge gegenüber. Franz nimmt die Bedrohung wahr: „Panzerspähwagen waren aufgefahren und Soldaten mit Maschinengewehren in Stellung gegangen. Die Menschen strömten zu den Toren der Hütte und standen wütend vor den Absperrungen im Bewußtsein ihrer Machtlosigkeit.“

In dieser angespannten Situation kommt plötzlich ein einzelner britischer Panzerspähwagen herangefahren, der in den Stützpunkt der Briten hinein will. Erich Sewald sieht ihn in hohem Tempo in die Menschenmenge fahren. Die Männer rollen ihm kaltblütig einen schweren Karren in den Weg, bringen das Fahrzeug zum Stehen. Ernst Franz berichtet: „Ein aus der Luke des Spähwagens schauender englischer Soldat wurde bespuckt. Daraufhin gab ein Captain seinen Soldaten das Kommando zum Durchladen der Gewehre.“ Sewald ergänzt: „Schnell waren Kollegen auf dem Spähwagen, drehten das MG in Richtung der Engländer.“

Sekunden der Atemlosigkeit. Die Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Franz ist sicher, „die Situation bedurfte nur noch des Kommandos zum Schießen. Es hätte mit Wahrscheinlichkeit Hunderte von Toten gegeben.“ Beginnt jetzt der Aufstand? Wird geschossen, gibt es ein blutiges Massaker. Wie wird die Besatzungsmacht reagieren?

Im Gegensatz zum 17. Juni 1953, als die Sowjets in vergleichbarer Situation die Antwort mit Panzern und Maschinengewehren geben, verhindern das in den Reichswerken in Salzgitter die Arbeiter. Der Betriebsrat Hein Wegener handelt kaltblütig, springt zwischen Soldaten und Belegschaft und ruft laut: „Nicht schießen!“ Er spricht zu den Arbeitern. Murrend geben diese den Panzer frei. Ein Blutvergießen ist verhindert. Der Spähwagen kehrt in den Stützpunkt zurück, die Versammelten ziehen ab. Eine Eskalation wird – wenn auch nur knapp – verhindert.

Der Märzaufstand 1950 endet nicht in blutiger Gewalt und erreicht auch nicht den Umfang des späteren Volksaufstandes vom 17. Juni 1953. Allerdings weisen die Ereignisse auf eine lange verstellte Wahrheit hin: Die westlichen Alliierten – nicht anders als die Sowjets in der Sowjetischen Besatzungszone – handelten weder in Freundschaft zum deutschen Volk, noch wurden sie von ihm als Freunde empfunden. Am deutlichsten zeigt sich dies an der Demontagepolitik der Alliierten, die Bundeskanzler Konrad Adenauer in seinen Erinnerungen als „ein Relikt aus[…]Furcht und Haß gegen Deutschland“ bezeichnet. Zwar vermutet der Wirtschaftshistoriker Wilhelm Treue, daß die den Märzaufstand 1950 auslösenden radikalen britischen Maßnahmen in Salzgitter-Watenstedt als fanatischer Versuch angesehen werden müssen, Görings „Lieblingskind“, als das die Reichswerke galten, restlos zu beseitigen. Doch das die Demontagen bestimmende tiefere politische Kalkül zielt nicht allein auf die Ausmerzung des „NS-Regimes“ ab.

Bereits während des Zweiten Weltkrieges lassen die späteren Siegermächte keinen Zweifel daran, daß Deutschland als angeblicher Aggressor umfangreiche Entschädigungen zu erbringen hat und daß man vor allem die Montanindustrie so schwächen will, daß Deutschland nicht nochmals in der Lage wäre, einen Krieg zu führen. In den Regierungskreisen der Alliierten haben die Befürworter eines harten Friedens („harsh peace“) durchgesetzt, sich nicht allein auf Abrüstung und Abbau der Rüstungsindustrie zu beschränken, sondern einen weiteren Waffengang Deutschlands für alle Zukunft durch Entziehung der wirtschaftlichen Grundlagen auszuschließen. Maßgeblichen Einfluß hat dabei Henry Morgen­thau jr. Der langjährige amerikanische „Secretary of the Treasury“ (Finanzminister) und Mitglied des für Deutschland zuständigen Ausschusses, des „Cabinet Comittee on Germany“, beeinflußt mit seinen unter dem Titel „Germany is our Problem“ veröffentlichten Memoranden nicht allein die Haltung des amerikanischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt. Morgenthaus Kälte geht so weit, daß er es im Dienste des „Weltfriedens“ zulassen will, wenn in Folge einer Reagrarisierung der deutschen Wirtschaft auf das Niveau der Dritten Welt bis zu 30 Millionen Menschen – die Hälfte der deutschen Nachkriegsbevölkerung – verhungern.

Auf der Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis 2. August 1945 wird die Reparationsfrage mit dem Problem der deutschen Nachkriegswirtschaft und ihrer für den „Weltfrieden akzeptablen“ Kapazität verknüpft. Die hierzu vereinbarte Demontage soll nicht allein der materiellen Wiedergutmachung dienen, sondern einem zukünftigen „Aggressor“ Deutschland die industrielle Basis zerschlagen.

Die Alliierten – besonders die Sowjetunion – handeln rigoros. Bereits vor Beginn der Viermächteverhandlungen werden zahlreiche Betriebe, oft vollständig, abgebaut. In der Zeit bis zum 1. Juli 1945 sind allein in West-Berlin 340 Betriebe von der annähernd vollständigen Demontage betroffen. Die Betriebe werden inventarisiert, Anlagen und Zubehör mehr oder minder sorgfältig abgebaut: Maschine und Halle, Werkzeug und Möbel – oft erfolgt die Demontage mit dem Schneidbrenner. Durchnumeriert und abgepackt rollt das Demontagegut mit Lastwagen und Eisenbahnwaggons zu seinem Bestimmungsort. Nicht immer ist es möglich, wieder zusammenzusetzen, was am Ende der Transporte über Tausende Kilometer übrig bleibt.

Die Demontage geht mit einem bislang beispiellosen Technologieraub einher. Zeichnungen, Pläne, Patente: Die Alliierten bemächtigen sich des gesamten in ihrem Einflußbereich greifbaren technischen Wissens. Auch vor dem „lebenden Inventar“ wird nicht halt gemacht. Facharbeiter und Ingenieure werden gezwungen, als Spezialisten fern der Heimat, in der Sowjetunion oder den USA, ihre Arbeit fortzusetzen.

Genaue Angaben über die tatsächlich entstandenen Verluste durch die Demontage-Aktionen liegen nicht vor. In keiner Besatzungszone wurde eine vollständige Liste der abgebauten Maschinen oder Werksanlagen aufgestellt, zumal in großem Stil wild beschlagnahmt wurde. Wilhelm Treue gibt in seiner Untersuchung Die Demontagepolitik der Westmächte nach dem Zweiten Weltkrieg, Anhalt dafür, daß die Demontagen einen erheblichen Anteil des Bruttonationalproduktes entzogen haben. Seiner Auffassung nach bestand bereits sehr früh Gewißheit, daß die Demontagen nicht den geringsten wirtschaftlichen Nutzen für die alliierten Empfänger hatten. Der Abbau der industriellen Anlagen war in der Regel mit einem großen Verbrauch der Anlagensubstanz verbunden. Der Aufwand überstieg meist den durch die Demontage erlangten Sachwert. In vielen Fällen erhielten die Empfänger lediglich einen nicht rekonstruierbaren, allerdings auf das vortrefflichste inventarisierten Haufen Schrott. Mit Gründen wirtschaftlicher Vernunft waren die Demontagen nicht zu rechtfertigen.

In ihrer Folge steht schließlich im Herbst 1946 die Wirtschaft der vier Besatzungszonen kurz vor dem vollständigen Zusammenbruch. Die aus den Wirren des Krieges und der Besetzung geretteten Nahrungsmittel, Rohstoffe und Ersatzteile gehen nun endgültig zur Neige, was die bis dahin noch einigermaßen funktionierende Produktion endgültig zum Stillstand zu bringen droht.

Die Alliierten reagieren in unterschiedlicher Weise auf die veränderte Situation. Die amerikanische Seite veranlaßt eine strategische Neuorientierung: In seiner weltpolitisch bedeutenden Rede vor Studenten der Harvard-Universität vom 5. Juni 1947 gibt der US-Außenminister George C. Marshall den Startschuß für die europäischen Länder zur Ausarbeitung eines Planes, die wirtschaftliche Wiederbelebung auch des übrigen Europa durch Zusammenarbeit anzustreben. Die Einbeziehung der westlichen Zonen Deutschlands in das europäische Aufbauprogramm ist ein Gebot der politischen Vernunft. Allein einem solchen gemeinsamen Vorhaben würde zukünftig die finanzielle Unterstützung der USA zukommen.

Die britische Besatzungsmacht hingegen zeigt sich – auch im Zeitpunkt sich anbahnender amerikanischer Europahilfe – nur eingeschränkt interessiert an einer Gesundung eines als Konkurrenz empfundenen Deutschland.

Im Ergebnis gemeinsamer Verhandlungen revidieren Amerikaner und Briten am 29. August 1947 die Planungen für ihre vereinigte Wirtschaftszone (Bi-Zone) dahingehend, daß das Niveau der Industrialisierung jedenfalls die Selbstversorgung des Gebietes sicherstellen soll.

Auf die Reichswerke in Salzgitter hat diese „mildernde“ Tendenz allerdings keine Auswirkung. Die Demontageliste vom 16. Oktober 1947 sieht allein für das Land Niedersachsen 116 Betriebe für den Abbau vor, darunter das größte und bedeutendste Werk des Landes, die Reichswerke in Salzgitter-Watenstedt. Die vorgesehene Demontage kommt einer wirtschaftlichen Vernichtung gleich. Lediglich die drei ältesten von zwölf errichteten und weitere vier im Bau befindliche Hochöfen sollen verbleiben. Der gesamte moderne Teil, das Thomas-Stahlwerk, das Siemens-Stahlwerk, das Elektro-Stahlwerk, das Walzwerk, große Teile der Hauptwerkstatt, die Kokerei, die Rennanlage, die Gießerei und die Erzvorbereitung werden durch die Interalliierte Reparationskommission für den Abbau vorgesehen. Die niedersächsische Staatsregierung appelliert unter Berufung auf die zu erwartenden Folgen an die britische Militärregierung: „Mit der Durchführung dieser Demontage wird die Ausbeutung des einzigen ­größeren Eisenerzvorkommens in Deutschland mit ca. 2 Milliarden Tonnen Eisenerz nachgewiesenen Lagervorräten im Kern getroffen und auf Jahre lahmgelegt.“ Doch vergeblich. Alle Versuche von deutscher Seite, die Montageliste zu kürzen, verlaufen erfolglos. Die Antwort der englischen Militärregierung lautet mitleidslos: „The list cannot be modified.“ Offenkundig besteht der Wunsch, mit Hilfe der Demontagen die Ausgangsposition der deutschen Konkurrenten dauerhaft zu verschlechtern, bevor diese mit Geldern des Marshall-Planes an den Wiederaufbau ihrer Betriebe gehen können.

Als abzusehen ist, daß ein genereller Demontagestop bevorsteht, nimmt der Umfang der Demontagen in der britischen Zone auffällig zu. Schließlich werden im August 1949 insgesamt 705.840 Tonnen Demontagegut verladen und aus Deutschland abtransportiert. Im September beträgt die Menge bereits 8.045.570 Tonnen und im Oktober 1949 volle 12.603.070 Tonnen. Allein vom 1. bis zum 5. November 1949 werden 3.251.540 Tonnen abtransportiert.

Trotz der Märzproteste 1950 werden die Demontagearbeiten in den Reichswerken abgeschlossen.

Eine endgültige Beendigung der Demontagepolitik ergibt sich erst durch eine Verschärfung der internationalen politischen Lage im weiteren Verlauf des Jahres 1950. In Korea tobt Krieg zwischen den politischen Blöcken der früheren militärischen Bündnispartner. Die Deutschen werden wieder gebraucht. Die Bundesrepublik Deutschland soll im Kalten Krieg aktiv einbezogen werden in die „Verteidigung Westeuropas“ gegen den Kommunismus. Diesen Erfordernissen kann sich auch die britische Besatzungsmacht nicht im Alleingang entziehen. So schreibt Konrad Adenauer an den britischen Hohen Kommissar: „Weder für die Bundesrepublik noch für die deutsche Bevölkerung ist es verständlich, daß bei der gegenwärtigen Weltsituation weitere Demontagen von Fabrikgebäuden durchgeführt werden. Darüber hinaus wird die innere Bereitschaft der deutschen Bevölkerung zur Mitwirkung an der Verteidigung Westeuropas einer ernstlichen Belastung ausgesetzt, wenn zur gleichen Zeit, in der diese Fragen zur Erörterung stehen, noch Demontagen durchgeführt werden.“ Erst nach einer Zeit zäher Verhandlungen mit England – das auch jetzt nicht ohne Weiteres zur Aufgabe seiner Politik zu bewegen ist – werden die Demontagen generell be­endet.

Karsten Heinrich

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