Berlins linke Randgruppenpolitik

2010April3

Homosexuellen- und Migrantenlobby mögen sich nicht. Was nun?

Berlin grotesk: Ende Februar kam es im Kesselhaus der Berliner Kulturbrauerei zu einem denkwürdigen Aufeinandertreffen. Fans der aus Jamaika stammenden Reggae-Musik diskutierten mit Homosexuellenvertretern; ein linker Binnendialog also – sollte man meinen. Doch es flogen die Fetzen. Der Schwulenlobbyist Volker Beck (Die Grünen) saß mit auf dem Podium und schulmeisterte die Reggae-Fangemeinde, vornehmlich junge Leute mit sogenannten „Dreadlock“-Frisuren, hier und da Zottelbärten und einem gewissen Hang zu Marihuana. Beck werde nicht länger dulden, daß jamaikanische Musiker herkommen und in ihren Liedern gegen Homosexuelle hetzen. Beck meint das sehr ernst. Bereits im November 2009 spuckte er der Reggae-Multikulti-Gemeinde in die Suppe. Sein Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSDV), die Linkspartei und eine Gruppe mit dem Namen „Smash Homophobia“ demonstrierten in Berlin-Kreuzberg gegen ein Reggae-Konzert. Daher durfte Beck nun wenig auf linke Solidarität hoffen. „Ich bin heterosexuell, und das ist auch gut so“, wurde ihm entgegengerufen. Ein Horrorszenario für Volker Beck, ein Alptraum wurde Realität. Dagegen muß man etwas unternehmen, denkt nicht nur der Grünenpolitiker. Und vor allem in Berlin sitzt das Geld für die Homosexuellenlobby besonders locker.

Dennoch gibt es ein handfestes Problem: Berlin ist nicht nur stolz auf seine Homosexuellen, sondern auch auf die zahlreichen Menschen fremder Herkunft, die aus praktisch allen Ländern der Erde in der Stadt zusammenströmen. Sie bringen nicht nur eine kulturelle „Bereicherung“ für die Hauptstadt, auch ihre Vorstellungen hinsichtlich akzeptabler Lebensgemeinschaften haben sie mit im Gepäck. Während in ihren Heimatländern Homosexualität verpönt und meist strafbar ist, wird in Deutschland eine große Toleranz gelebt – und auch von den Zuwanderern erwartet. Eine Erwartung, die sie nicht immer erfüllen können oder wollen. Es grenzt an eine Quadratur der Kreises: ein friedliches Zusammenleben von Menschen verschiedenster Herkunft, Kultur und sexueller Ausrichtung. Im Februar dieses Jahres hat der Berliner Senat ein „Maßnahmenpaket zur Bekämpfung von Homophobie“ beschlossen. 2,1 Millionen Euro stehen in den nächsten Jahren der Initiative „Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt“ zur Verfügung. Insbesondere Ausländer sollen erreicht werden: „Mit Plakaten, Anzeigen, Radio- und Fernsehspots, Broschüren, Flyern und Aufklebern sollen die Angehörigen der verschiedenen Berliner Migrant/innen-Communities gezielt angesprochen und für Respekt gegenüber Lesben, Schwulen, trans- und intergeschlechtlichen Personen geworben werden“, wie es im Beschluß heißt. Die Erhöhung der Ausgaben erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem der Schuldenstand Berlins bei 66 Milliarden Euro liegt.

Der Senat Berlins hatte bereits am 2. April 2009 beschlossen, daß sich die Stadt „zur kulturellen Vielfalt und zur Unterschiedlichkeit sexueller Orientierungen, Identitäten und individueller Lebensentwürfe“ bekennt. Die angebliche Diskriminierung und Ausgrenzung bzw. Nichtakzeptanz sexueller Vielfalt wird in Berliner Verwaltungen und Behörden öffentlich „geächtet“. Menschen, die sich selbst als Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgenders oder Intersexuelle (kurz „LSBTTI“) sehen, besitzen heute die volle Aufmerksamkeit der Politik. Schon in der Schule findet ihre Orientierung im Rahmen des Sexualkundeunterrichtes Raum für eine geeignete Darstellung. So wird eine Broschüre von Martin Ganguly mit dem Titel Ganz normal anders – lesbisch, schwul, bi. Lebenskundeheft zur Integration gleichgeschlechtlicher Lebensweisen in den Klassen 1 bis 6 genutzt. Mit über 500.000,– Euro förderte die Stadt im Jahre 2008 insgesamt acht Projekte gleichgeschlechtlicher Lebensweisen, darunter „Lesbenberatung e.V.“, „ABqueer e.V.“ (Aufklärungs-, Bildungs- und Beratungsarbeit zu lesbischen, schwulen, bisexuellen und transgender Lebensweisen) oder „GLATT e. V.“ (Treffpunkt für Lesben, Schwule und Transgender, insbesondere aus der Türkei).

Volker Beck hat ein handfestes Problem: Bringt er die linke Solidarität unter den verschiedenen Randgruppen in Gefahr? Beck will, daß künftig in Integrationskursen für Ausländer das Thema Homosexualität ebenfalls Lehrstoff werden soll. Das geeignete Lehrpersonal, so Beck, stehe schon bereit. Es solle von den „schwullesbischen Initiativen“ gestellt werden. Man darf gespannt sein, wie Becks türkischer Parteifreund Cem Özdemir dies seinen Landsleuten, die – gelinde gesagt – eher als „homosexuellenkritisch“ gelten, verklickern wird.

Franz Poulsen

Kommentieren ist momentan nicht möglich.