Der schillernde Populist Geert Wilders spricht den toleranzgebeutelten Niederländern aus dem Herzen
Wasserstoffblond gefärbte Haare, modische Föhnfrisur, die ihn gleich um fünf Zentimeter größer macht und ihm den Namen „Blonde Dolly“ eingebracht hat: So kommt der niederländische Islamkritiker Geert Wilders daher. Er ist vielleicht nicht der beliebteste, sicher aber der bekannteste Politiker des Landes – und er kann Zustimmung mobilisieren.
Der erste durchschlagende Erfolg gelang Wilders bei den Europawahlen im vergangenen Jahr. Die „Partei für die Freiheit“ (PVV) errang 17 Prozent der Stimmen und damit vier Sitze im Europaparlament. Wenn es nun im Juni 2010 dank der Sozialdemokraten vorgezogene Neuwahlen gibt, könnte seine Partei gar stärkste politische Kraft im Land werden. Ein erster Testlauf dazu waren die Kommunalwahlen Anfang März. Strategisch geschickt trat die PVV nur in zwei von 450 Gemeinden an, wurde in Den Haag zur zweitstärksten Kraft hinter den Sozialdemokraten, in Almere, einer Kleinstadt bei Amsterdam, sogar Wahlsieger. Eine Koalition mit den Christdemokraten nach den Wahlen kann sich Wilders gut vorstellen; die haben auch schon signalisiert, daß sie eine Zusammenarbeit mit Wilders zwar für schwierig, nicht aber für ausgeschlossen halten.
2006 hatte er die PVV gegründet, und bis heute ist er deren Vorsitzender und einziges Mitglied. Diese Konstruktion – in Deutschland durch das Parteiengesetz ausgeschlossen – sichert Wilders Unabhängigkeit und Unangreifbarkeit. Er selbst wählt die potentiellen Mandatsträger aus, die sich bei ihm nach einer Zeitungsanzeige beworben haben, doch eintreten in seine Partei kann niemand.
Wilders hat eine erstaunliche politische Karriere vorzuweisen. Nach Schule und Militärdienst lebte er zwei Jahre lang in Israel, verdiente sich dort Geld mit einem Knochenjob in einer Brotfabrik und bereiste mit dem Ersparten die Staaten des Nahen Ostens. Bis heute, so bescheinigt er sich selbst, besitze er eine starke Affinität zum israelischen Staat: „Viele interessante Länder in dieser Region habe ich in den vergangenen Jahren besucht, (…) aber nirgends habe ich das besondere Gefühl der Verbundenheit, das ich immer wieder bekomme, wenn ich auf dem Ben-Gurion-Flughafen meinen Fuß auf israelischen Boden setze.“ Er erklärt dieses Wohlgefühl mit „möglichen jüdischen Vorfahren“, belegbar ist das aber nicht. Weniger groß scheint seine Affinität zum Nachbarland Deutschland zu sein. Wilders Vater hat sich im Zweiten Weltkrieg vor den Deutschen versteckt und weigerte sich auch 40 Jahre später noch, über die Maasbrücken nach Deutschland zu fahren. Wilders selbst betont, daß er froh sei, daß er während seines Militärdienstes nicht sein Zelt mit deutschen Soldaten habe teilen müssen.
Seit 1990 arbeitete Wilders als Redenschreiber und Fraktionsmitarbeiter in der liberalen Partei VVD, wurde dann sieben Jahre später auch einer ihrer Mandatsträger, bis es 2004 zum Bruch kam. Ausschlaggebend hierfür war ein Zehn-Punkte-Programm, mit dem Wilders die Partei auf einen patriotischeren Kurs einschwören wollte. Da fand sich nicht nur die Forderung nach einer schnelleren Abschiebung krimineller Ausländer und der Halbierung der Entwicklungshilfe, sondern auch die nach einer Erhöhung des Tempolimits auf den Autobahnen. Wilders entschloß sich, als „Gruppe Wilders“ sein Mandat weiter wahrzunehmen, und legte 2006 unter dem Titel „Reiner Wein“ ein erstes Wahlprogramm für seine neue Partei vor. Wichtigstes Ziel sei ein neuer Nationalstolz der Niederländer: „Das muß dominant sein. Damit meine ich das, was die Deutschen Leitkultur nennen.“ Und weiter: „Wir müssen nicht so tun, als ob die Werte anderer Kulturen ebenso gut sind wie unsere.“
Schon werden Parallelen zu Pim Fortuyn, der mit seiner „Liste Pim Fortuyn“ (LPF) einen ähnlich kometenhaften Aufstieg erlebte, gezogen. Wilders erklärt, daß er zwar viele der Forderungen von Fortuyn geteilt habe, aber doch schon länger als dieser im politischen Geschäft sei. Angst vor radikalen Moslems habe er trotz vielfältiger Drohungen nicht, so Wilders; dennoch wird er seit Oktober 2004 rund um die Uhr von sechs Sicherheitsbeamten bewacht. Man will ein Ende vermeiden, wie es Fortuyn 2002 oder gar der Filmemacher Theo van Gogh, der 2004 auf offener Straße gemeuchelt wurde, erlebt haben. Wilders muß ständig seinen Aufenthaltsort wechseln, seine ungarische Ehefrau sieht er nur alle zwei bis drei Wochen. Er selber beklagt, daß nun er, und nicht jene, die ihn bedrohten, wie ein Gefangener leben müsse.
Seit Anfang des Jahres läuft gegen Wilders ein Prozeß wegen Anstachelung zum Rassenhaß und Diskriminierung von Moslems, ausgelöst durch seinen antiislamistischen Kurzfilm „Fitna“. Wilders und sein Anwalt Bram Moskowicz rechnen fest mit einer Verurteilung. Das aber dürfte seine Popularität noch weiter steigern.
Anna Kalb

