Der Politologe Prof. Dr. Klaus Hornung über den Linkstrend der CDU
Herr Prof. Hornung, hat sich die CDU verändert, seitdem Sie dieser Partei beigetreten sind?
Hornung: Auf jeden Fall. Ich bin im Jahr 1962 in die CDU eingetreten, die Spiegel-Affäre war der Anlaß. Damals wurde die CDU-geführte Bundesregierung unter Bundeskanzler Konrad Adenauer von den großen Medien scharf attackiert, da diese dem Spiegel wegen eines Artikels über die Bundeswehr Landesverrat vorgeworfen hatte. Ich war immer schon Adenauer-Fan und bin deshalb ganz bewußt damals in die CDU eingetreten. Zwischen damals und heute liegen jedoch Welten. Die CDU wurde zu einer Zeitgeistpartei, die heute genau jenen Kurs mitzutragen scheint, gegen den wir damals unter Adenauer angetreten sind.
Sie unterstützen heute die Initiative „Linkstrend stoppen!“…
Hornung: Ja, und zwar genau aus diesem Grund: Die CDU, in die ich eingetreten bin, war eine andere Partei als die heutige Union.
Warum treten die CDU-Mitglieder, die unzufrieden mit dem Kurs Angela Merkels sind, nicht einfach aus der Partei aus?
Hornung: Sehen Sie, wir sind ja aus guten Gründen der CDU einmal beigetreten. Daher wollen wir auch etwas gegen diese Veränderung der Partei unternehmen. Ich werde jedenfalls nicht einfach so wie eine beleidigte Leberwurst austreten, sondern mich zu Wort melden. Ich muß aber eines sagen: Der Umgang in der Partei, vor allem von ganz „oben“ nach „unten“mit der Basis, ist mittlerweile unerträglich geworden.
Kritiker werfen „Linkstrend stoppen!“ vor, daß sich kaum Funktionsträger der Union darin engagieren.
Hornung: Ja, da ist wohl etwas dran. Allerdings sind viele frühere Funktionsträger mit dabei, wie beispielsweise auch der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Claus Jäger. Ich selbst war unter Hans Filbinger Mitglied der Programmkommission des baden-württembergischen Landesverbandes der CDU.
Aber es finden sich keine aktiven Bundes- oder Landespolitiker unter den Unterstützern…
Hornung: Die Gründe sind doch bekannt. Aktive Politiker insbesondere der CDU sind heute eben bestrebt, möglichst wenig zu unternehmen, was ihrer politischen Karriere schaden könnte.
Warum scheint es in der SPD möglich zu sein, als Landtags- oder Bundestagspolitiker oder als Juso-Funktionär die Partei von linksaußen zu kritisieren, nicht aber in der Union von rechts?
Hornung: Die CDU ist ja keine Partei mehr, die wirklich durch politisch eindeutige Positionen auffällt. Das funktioniert auch nach innen. Es ist schwer, gegen etwas, das kaum faßbar ist, irgendwie Stellung zu beziehen. Aber das gilt nicht nur für die CDU. Im Grunde haben wir uns insgesamt zu einer konformistischen Gesellschaft entwickelt, in der es im Zeichen der Political Correctness zu einer Tugend wurde, möglichst keine eigene Meinung zu haben und wenig oder gar nicht anzuecken.
Angenommen, Sie hätten morgen einen Gesprächstermin mit Ihrer Parteivorsitzenden Angela Merkel. Was würden Sie mit ihr besprechen wollen?
Hornung: Ich würde einen solchen Termin mit Freude wahrnehmen! Man darf aber eines hier nicht vergessen: Frau Merkel ist eine reine, säkularisierte Naturwissenschaftlerin, die für historische, moralische und liberalkonservative Positionen keine Antenne hat.
Sie würden aber trotzdem mit Ihr über konservative Inhalte sprechen wollen?
Hornung: Aber natürlich. Ich bin ja schließlich auch Pädagoge. Und es gibt wichtige Themen, wie beispielsweise die zur Massenseuche gewordene „Gender Mainstreaming“-Ideologie, die gescheiterte Ausländer-Integrationspolitik, der Unmut darüber, der Islamisierung in der Bundesrepublik Deutschland nichts entgegenzusetzen, oder die verfehlte Bildungs- und Schulpolitik der Union, wie etwa in Hamburg.
Der Initiator von „Linkstrend stoppen!“, Friedrich-Wilhelm Siebeke, hat mehrmals in Interviews die konkrete Gefahr für die Union angesprochen, daß sich rechts von ihr eine seriöse, rechtskonservative Partei etablieren könnte. Sehen Sie das als Gefahr oder als Chance?
Hornung: Ich betrachte das nicht als Gefahr. Es wäre die dringende politische Antwort auf den Sozialdemokratisierungs- und Säkularisierungskurs der heutigen Union. Natürlich wäre es tragisch für die CDU, allerdings auch selbstverschuldet. Viele Bürger, die einst zur Kernklientel der Partei gehörten, fühlen sich schon lange dort nicht mehr politisch zu Hause. Sie werden sich wohl, sollte sich dieser Kurs der Union so fortsetzen, eine andere politische Heimat suchen.
Herr Prof. Hornung, vielen Dank für das Gespräch.
Klaus Hornung, Jahrgang 1927, ist Professor emeritus für Politikwissenschaft an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Nach Studium der Geschichte, Politikwissenschaft, Germanistik und Anglistik Staatsexamina und Promotion in Tübingen bei Hans Rothfels. 1974 Habilitation in Politikwissenschaft an der Universität Freiburg im Breisgau.
