Bündnis mit Sollbruchstellen

2010Mai2Wie sich „gute Bürger“ für etwas einsetzen, das sie gar nicht verstehen. Momentaufnahmen aus einer bizarren linken Demonstration. Eine ZUERST!-Reportage

Denkt bitte immer an unser Ziel: ,Marxloh stellt sich quer‘, und nur gemeinsam sind wir stark. Wir wollen zusammenarbeiten und uns nicht auseinanderdividieren lassen.“ So endet der Aufruf vom linken „Marxloher Bündnis“, das für den 27. und 28. März zu zahlreichen Veranstaltungen im Duisburger Stadtteil Marxloh aufgerufen hatte. Anlaß ist die „Internationale Konferenz für ein Minarettverbot“, das „Pro NRW“ zur selben Zeit im Gelsenkirchener Schloß Horst abhält (s. Bericht in dieser Ausgabe). Darum also sind etwa 2.000 Personen hier und heute auf der Straße. Zu den Unterstützern des „Marxloher Bündnisses“ gehören alle Schattier­ungen des rot-roten Spektrums aus der Region: SPD, Die Linke, SJD, MLPD, Die Grünen, IG Metall, DGB, Verdi und viele, viele mehr.

Bei strahlend blauem Himmel versammelt sich eine wahrhaft bunte Truppe, die an diesem letzten März-Wochenende zusammenkommt, um sich „querzustellen“. Man will also „Gesicht zeigen“, „Toleranz üben“, „nie wieder Faschismus“ zulassen und natürlich „nie wieder Krieg“ führen. Aber wenn man die „Normalo“-Teilnehmer abseits der schwarz gekleideten Demo-Touristen fragt, warum sie hier sind, erhält man erstaunlich dünne Antworten: „Weil die anderen hier sind“, „Weil wir den Rechten nicht die Straße überlassen wollen“, „Um ein Zeichen zu setzen“ und „Damit es nachher nicht heißt, wir hätten nichts getan“.

Also setzt sich der brave Gewerkschaftsfunktionär in den Nahverkehrszug und die Straßenbahn, geht die letzten Kilometer zu Fuß, weil der Stadtteil ab­gesperrt ist, und versammelt sich friedlich im Schatten der 34 Meter hohen Minarette der 23 Meter hohen Merkez-­Moschee in Duisburg-Marxloh. Mit 1.200 Plätzen ist sie eine der größten ­Moscheen in Deutschland. Die Fertigstellung erfolgte im Oktober 2008, zur Einweihung kam der Präsident des Amtes für ­religiöse Angelegenheiten der Türkei, Ali Bardakog˘lu. Die EU und das Land NRW förderten den Bau mit 3,2 Millionen ­Euro. Nach den Protesten gegen den (noch ­höheren) Moschee-Bau in Köln und das erfolgreiche Volksbegehren in der Schweiz gegen die Minarette sah „Pro NRW“ die Chance, auch im Ruhrgebiet die Einwohner zur Abstimmung zu bitten.

Dagegen regte sich der organisierte Widerstand von Links. Ob aus taktischen Gründen (am 9. Mai ist Landtagswahl in NRW, Sigmar Gabriel und Hannelore Kraft ließen es sich nicht nehmen, eine Pressekonferenz in der Moschee abzuhalten – wer da wohl an Wählerfang denkt?) oder aus echter Überzeugung, ist schwer zu sagen. Auch die Teilnehmer scheinen merkwürdig uninformiert zu sein. Auf die blauäugige Frage, ob denn die Gegendemonstranten logischerweise für einen ungezügelten Minarettbau in Deutschland seien, wenn sie doch gegen das Anliegen von Pro NRW auf die Straße gingen, heißt es verlegen: „Das ist eigentlich nicht unser Thema.“ Ob denn ein Volksbegehren, wie es Pro NRW nach Schweizer Vorbild anstrebt, nicht ein urdemokratisches Instrument sei? „Ja, aber die Rechten mißbrauchen die Demokratie.“ Ach, so ist das.

Und mißachten die zahlreichen Gegenveranstaltungen, die an diesem Wochenende im gesamten Ruhrgebiet stattfinden, nicht das Gebot der Meinungsfreiheit wenn das klare Ziel besteht, den politischen Gegner von der Straße zu drängen, seinen Spielraum auch im physischen Sinne einzuengen? Im offiziellen Aufruf heißt es: „Aus Sicht des Marx­loher Bündnisses heißt Sich-quer-Stellen Protest der Zivilgesellschaft, die sich mit aller Kraft dem Ungeist entgegenstellt. Wir halten Widerstand für notwendig und legitim, da un­sere staatlichen Institutionen uns den Schutz  der Menschenrechte offensichtlich nicht gewährleisten können oder wollen.“

Es drängen sich Fragen auf. Ungeist? – Ist ein Volksbegehren Ungeist? Zivilgesellschaft – was ist das? Milli Görüs? Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion DITIB? Kommunistische und anarchistische Antifa-Netzwerke? Staat­liche Institutionen können oder wollen den Schutz der Menschenrechte nicht ­gewährleisten? – Ist das wirklich wahr? Und: Ist das nicht schon justitiabel? Staatliche Institutionen – also Ämter, Gerichte, Polizei – erlauben Gegendemonstrationen, die in den meisten Fällen dazu führen, daß die eigentlichen Kundgebungen nicht durchgeführt werden können.

Und jetzt ziehen 1.000 Multikulti-Bewegte durch die Weseler Straße. Es zieht eine Gruppe erwachsener Männer vorbei, die freudig eine Regenbogenfahne schwenken. Ob die hier auch Spaß hätten, wenn nicht gerade an jeder Ecke ein Polizeiwagen stünde? In der Haupteinkaufsmeile von Marxloh traben die ­Wochenend-Ausflügler vorbei an rein türkischen Geschäften, vorbei an Gruppen lässiger junger Männer, die in Hauseingängen, vor Spielsalons und Wett­büros herumlungern. Am Johannismarkt steht ein Hochbunker aus dem Jahr 1942 – an der Fassade reichen sich zwei in Stein gemeißelte deutsche Arbeiter die Hände. Im Erdgeschoß wurde vor zwei Jahren ein Ladengeschäft ein­gebaut. In den Schaufenstern und an der Fassade funkeln jetzt verchromte Autofelgen um die Wette. Sieht so die kul­turelle Bereicherung aus?

Oder andersherum gefragt: Gibt es noch deutsche Kultur, die sich bereichern läßt? Bestimmt, aber sicher nicht hier: Auf dem Elisenhof steht im Schatten der makellosen Moschee eine Ak­tionsbühne, die mit dem üblichen Mischmasch bespielt wird, das bei solchen Veranstaltungen als bunt durchgeht: Von den „Boring Boys“ über die „Mikrofon Mafia“ geht es munter weiter zu „Lieder zur Gitarre über Gott und die Welt“ von einer gewissen „Faulenza“ und garantiert Homophobie-freiem Reggae von Mohammed Trijahnity.

Welches sind die Inhalte: Bunt statt Braun? Beliebig statt Eindeutig? Hauptsache undeutsch statt zu seiner Herkunft zu stehen? Gesichtsbemalung auch für gläubige Türkinnen? Vermummung als Solidaritätsadresse an die verschleierten Migrantinnen?

Mit einigen Stunden Verspätung schallt es plötzlich durch die Menge: „Die Nazis kommen!“ Endlich ist man dem Höhepunkt nahe, endlich kann man sein „zivilgesellschaftliches Engagement“ unter Beweis stellen und beherzt „Widerstand leisten“ gegen einen kaum wahrnehmbaren Feind, der hinter einer doppelten Reihe Ordnungshüter vor dem organisierten Volkszorn geschützt bleibt. Zahlen kursieren: 300, 150, ein paar Dutzend sollen es nur sein. Pro NRW verfehlt wie schon in Köln seine hochgesteckten Ziele.

Zwei hochgewachsene, brustbepanzerte Polizisten versperren den Weg, ältere Gewerkschafter, junge Türken und ein überschaubarer Block schwarz vermummter Antifa-Touristen wollen weiter durch die Sperre. Die Türkin, die auf ihrem Balkon steht, um das Spektakel zu verfolgen, spricht von 30 bis 50 Teilnehmern, die sie auf der anderen Seite der Absperrungen ausmachen kann. Weitere Pro-NRWler dürften bereits im Vorfeld der Moschee abgedrängt worden sein. Nach einer halben Stunde ist der ganze Spuk vorbei: Die Einsatzleitung gibt per Megaphon bekannt, daß die Kund­gebung von Pro NRW offiziell beendet sei, die Teilnehmer seien auf dem Rückmarsch. Großer Jubel im linksauto­nomen schwarzen Block, der einen aktionsarmen Nachmittag verlebt und seinen Frust immer wieder an den Polizeibeamten ausläßt („Deutsche Polizisten schützen die Faschisten!“).

Um so größer der Ärger, als die Türkin vom ersten Stock zwei Polizisten auf ihren Balkon läßt, damit diese eine bessere Position für ihre Videokamera haben. Noch ärger kommt es für die Berufs­demonstranten, als einige Jungtürken die rote Flagge mit dem Halbmond im Wind flattern lassen. Da setzt es harte deutsche Ordnungsrufe aus dem Schwarzen Block: „Runter mit der Fahne – das ist ja Nationalismus!“ Doch bei einem Kräfteverhältnis von etwa 3:1 können sich die antideutschen, antinationalen Antifa-Spaßbremsen nicht durchsetzen. Statt dessen wehen bald die türkische und die bundesdeutsche Flagge zusammen über ihren vermummten Köpfen – mit der feinen Nuance, daß die schwarz-rot-goldene verkehrt herum aufgezogen ist – das klassische Zeichen für Kapitulation.

Denn allzuweit geht die Verbrüderung nicht: In der ordentlich aufgestellten Zeltstadt auf dem Vorplatz der Moschee sind die Lager klar: Gemeinsam anstehen, getrennt essen. Hie Deutsche, da Türken – ist Marxloh das eigentliche Symbol für multikulturelles Zusammenleben?  Bei einem Ausländeranteil von 80 Prozent müssen sich die indigenen Wochenendgäste ja wie in einer Parallelwelt fühlen, oder wie Kultur-Touristen. Nachdem der „braune Spuk“ sich so schnell verflüchtigt hat, wie er gekommen war, statten integrationsbeflissene Gegendemonstranten der Merkez-Moschee ihren Anstandsbesuch ab. Wann wohl überzeugte Sozialisten und Kommunisten zuletzt in einem Gotteshaus wandelten? Mit geneigtem Kopf und auf Socken betreten die Kämpfer für die Buntheit den überreich geschmückten und mit Teppichen ausgelegten Kuppelbau. Andächtig bewundern sie mit ihren rot-schwarzen Anarchisten-Sternchen an der Schimanski-Jacke die hundert­fachen Huldigungen an Allah unterm Halbmond.

Vor der Moschee sieht eine verhärmte Aktivistin mit praktischem Kurzhaarschnitt und farb- wie geschlechtsneutraler Allwetter-Jacke den jungen Bräuten aus dem Morgenland zu, die mit Kopftüchern und knöchellangen Kleidern immer neue Plastikwannen voll Weißkohl für die Döner-Produktion heranschleppen oder den zahlreichen Nachwuchs betreuen, der den Moschee-eigenen Spielplatz bevölkert. Bei diesem Anblick fällt es schwer, sich aus­zumalen, ob diese jungen Türkinnen wohl offen für eine kritische Diskussion über traditionelles Rollenverständnis in Ehe und Familie, am Arbeitsplatz oder im Bildungswesen sind. Was diese fröhlichen jungen Mütter wohl von den selbst­ernannten „KämpferInnen“ für die Gleichheit in ihren Demo-Uniformen, ihrem missio­narischen Eifer und nicht zuletzt ihrer gleichgeschalteten – gott- und vaterlandslosen – Weltanschauung halten?

Ein Gespräch in der Zeltstadt bringt ein wenig Aufklärung: Ein 38jähriger Türke aus Essen hält herzlich wenig von den Berufsdemonstranten: „Die sind doch nur hier, um Ärger zu machen. Die würden sich am liebsten mit der Polizei kloppen.“ Ob es ihm nicht peinlich ist, ein zutiefst türkisch-muslimisches Anliegen von orts-, volks- und glaubensfremden Elementen verteidigen zu lassen? Der Mann lacht: „Wenn die Antifas es zu wild treiben, dann greifen wir schon ein – wir haben ja genug Leute!“ Ob denn der Protest gerechtfertigt sei? Er winkt ab: „Die meisten Türken, die hier leben, wollen einfach nur arbeiten, essen und ihre Ruhe haben. Das Politische interessiert die nicht.“

Wie weit die politischen Ansichten tatsächlich auseinandergehen, beweist ein anderes Gespräch mit zwei Türken, die an einem der vielen Biertische beim Tee sitzen und sich das bunte Treiben vor ihrem Gotteshaus skeptisch ansehen. „Wenn’s irgendwo knallt, kommen diese Leute  – denen ist es egal, worum es geht“, sagt ein kräftiger Kfz-Mechaniker verächtlich und meint die vermummten Antifas, von denen gerade einer von der Polizei abgeführt wird. Sein Sitznachbar, ein groß gewachsener junger Mann, der in seinem bodenlangen Kaftan und mit dem Kinnbart aussieht wie ein Prediger, pflichtet ihm bei: „Was die hier vor unserer Moschee machen, ist respektlos – das sind doch alles Atheisten!“

„Respekt“ ist das Schlüsselwort. Nach der Abschaffung der autoritären Erziehung durch die 68er hält es seit Jahren wieder Einzug in Deutschland, weil es die Rangordnung unter türkischen und arabischen Männern bezeichnet. Mehr Respekt wünschen sich die beiden Teetrinker auch von der jungen Generation ihrer eigenen Landsleute. Der Mechaniker klagt: „Die Jungen heute haben es viel zu leicht. Die Schule ist zu lasch, der Unterricht fällt dauernd aus.“ Der Kaf­tanträger legt nach: „Und was lernen die? Schon in der Grundschule sollen meine Kinder lernen, was Drogen sind, was Alkohol ist und wie man verhütet – in der Grundschule!“ Da nimmt es nicht wunder, wenn die beiden Männer den Vorschlag ihres Ministerpräsidenten Erdogan gutheißen: „Wenn es türkische Gymnasien hier in Deutschland gäbe, würden die Schüler viel mehr Respekt zeigen. Die türkischen Lehrer sind nicht so lasch.“

Angesprochen auf den hohen Prozentsatz von türkischen Jugendlichen ohne Schulabschluß, läßt die glasklare Analyse nicht lange auf sich warten. Der Mechaniker mit den ölverschmierten Pranken: „Das ist denen doch alles egal. Als Arbeitslose kriegen die bis zu 1.500 Euro – warum da noch arbeiten?“ Auch der Kaftanträger bedauert die Auswüchse des bundesdeutschen Sozialstaats: „Früher hat man sich seiner Arbeits­losigkeit geschämt. Heute ist denen das egal. In der Türkei würden die keine Sozialhilfe bekommen. Und Arbeitslosengeld nur, wenn sie eingezahlt hätten.“ Und wie könnte eine Lösung aussehen, faule und oftmals auch kriminelle So­zialschmarotzer wieder einzugliedern? Ohne zu zögern kommt die Antwort vom Prediger: „Zwangsarbeit.“

Verkehrte Welt: Da versammeln sich wohlmeinende Berufs-Aktivisten, um die friedliebenden türkischen Mitbürger in ihrem eigenen Stadtteil vor angeb­lichen rechten Haßpredigern zu schützen. Und was schützen sie – mit Hilfe der Staatsmacht wohlgemerkt? Mittel­alterliche Großfamilien, die Werte vertreten, die hierzulande längst begraben wurden und vehement bekämpft werden, sobald sie von Deutschen vertreten werden: Gott, Familie, Vaterland.

Und mit dem Vaterland – dem türkischen wohlgemerkt – hat es eine Gruppe, die an der Demo teilnimmt, ganz besonders: die „Grauen Wölfe“, die der nationalistischen türkischen Partei MHP nahestehen. Das sorgt für ordentlich Rabatz. Denn diese treffen ihrerseits auf eine Truppe überhitzter Kurden. Die Grüne Claudia Roth, die nach eigenem Bekunden die „Konflikte in der Türkei“ besonders liebt, hätte an diesem multikulturellen Stelldichein ihre Freude. Während sich die „Grauen Wölfe“, allesamt Jungs mit schicken Gelfrisuren, mit flotten Parolen auf der Zunge den Kurden nähern, geraten diese außer Rand und Band. Rempeleien, ein paar Fäuste und schon stiftet die deutsche Polizei wieder Frieden. Aus der Ferne schreit eine hysterische Frau durch ihr Megaphon: „Bitte bleibt ruhig, bitte bleibt ruhig!“ Die Türken ziehen wieder ab, freudestrahlend. Dieser Tag war ein Kampftag. Heute hat man es den anderen gezeigt. Aber mal richtig. Nur einige Häuserzeilen weiter vernaschen friedliche Demotouristen mit Toleranzansteckern an ihren Jacken leckeres Börek – ungetrübt von der Beinahe-Straßenschlacht, von der diese nie erfahren werden. Warum nicht? Kein einziger Journalist hielt es für notwendig, darüber zu berichten.

Wenn es einen Gewinner gibt an ­diesem sonnigen Wochenende, dann ist es die DITIB. Im Windschatten der weltlichen Parteien, Gewerkschaften und Verbände hat es der deutsche Ableger des türkischen „Religionsministeriums“ ­geschafft, die Duisburger Merkez-Moschee zu einem positiven Symbol für den staatlich subventionierten „Kampf gegen Rechts“ zu machen. Anders als die Mehrheit der Schweizer, würde keiner dieser Demonstranten die haushohen Minarette als Bedrohung auffassen – so wie es die Mehrheit der Schweizer tut. Darauf läßt sich aufbauen.

Oliver Rieth/Armin Möller/Sören Redwitz

Kommentieren ist momentan nicht möglich.