Sieg ins Leere

2010Mai3Vor 70 Jahren begann der deutsche Feldzug gegen Frankreich. Der renommierte Militärhistoriker Dr. Franz Uhle-Wettler über die Hintergründe dieses als „Blitzkrieg“ bezeichneten Feldzuges

Vor 70 Jahren begann am 10. Mai 1940 der deutsche, über die neutralen Staaten Luxemburg, Holland und Belgien geführte Angriff auf die in Frankreich aufmarschierten französischen und britischen Truppen. Die Alliierten waren an Zahl und auch entgegen manch gern gepflegtem Mythos an Flugzeugen sowie Panzern weit überlegen und konnten sich zudem auf große Befestigungen wie die gewaltige Maginot-Linie stützen. Im Grunde sprach alles für ein Scheitern der deutschen Offensive. Dennoch war der Feldzug schon nach drei Tagen mit dem Durchbruch bei Sedan entschieden, denn nun war der Weg in den Rücken der nach Belgien hineinströmenden alliierten Hauptkräfte offen. Nach zehn Tagen erreichte die Wehrmacht die französische Kanalküste. Damit war der Feldzug gewonnen, der am 23. Juni mit dem deutsch-französischen Waffenstillstand endete.

Mehr als zwei Millionen Kriegsgefangene sind in deutscher Hand. So zeigt der Feldzug, vielleicht neben der Niederlage der Alliierten bei Gallipoli 1914/16, den erstaunlichsten Sieg der neueren Kriegsgeschichte. Das reizt zu der Frage, ob der Feldzug uns heute noch etwas sagen kann. Bei dieser Frage fällt sofort der Blick auf die Panzertruppen. Die Briten hatten den Panzer 1915/16 zur Unterstützung der Infanterie entwickelt. Auch die großen Möglichkeiten von Panzeroperationen wurden erkannt, vor allem von General John Fuller. Doch Fuller erwies sich, ähnlich wie der Franzose Charles de Gaulle, bald als zu klug für seine dem Alten verhafteten zivilen und militärischen Vorgesetzten. Nur in Deutschland konnte sich General Heinz Guderian mit ähnlichen Erkenntnissen durchsetzen. So sollten gepanzerte Großverbände durch das, was manche bald „Blitzkrieg“ nannten, den Sieg im Westen erringen.

Die Lehre daraus ist offensichtlich: Das Neue ist stets nur wenigen erkennbar. Wehe, wenn dann die Minister militärisch unkundig sind; zweimal wehe, wenn sie deshalb neue Ideen den vorhandenen Generalen zur Prüfung geben; und dreimal wehe, wenn sie sich, ähnlich wie die Briten bei Gallipoli, als Spitzengenerale Jasager wählen, nur weil diese ihnen politisch gefällig sind.

Zu den Gründen des deutschen Sieges gehört auch die legendäre Auftragstaktik der Deutschen (im Gegensatz zur unflexiblen Befehlstaktik der Kriegsgegner). Sie war Grundlage des überlegenen Kampfwertes der deutschen Heere, den viele ausländische Fachleute in beiden Weltkriegen sehen. Und schließlich war ein wichtiger Faktor die Stimmung des französischen Volkes. Weite Kreise meinten, England habe Frankreich veranlaßt, in den deutsch-polnischen Krieg einzugreifen, habe sich aber dennoch nur mit geringen Kräften am Krieg beteiligt. Die Stimmung war gegen England. So ist bezeichnend, daß öfters die vorstürmenden deutschen Panzerkräfte ihre englischen Gefangenen, um eigenes Personal zu sparen, von Franzosen bewachen lassen konnten.

Zudem urteilte der französische Oberbefehlshaber: „Der französische Soldat (…) glaubte nicht, daß es Krieg geben könne. Sein Interesse ging oft nicht über seine Werkstatt, sein Büro oder seinen Acker hinaus. Geneigt, unaufhörlich jeden zu kritisieren, der über etwas Autorität verfügt, und angereizt, unter dem Vorwand der Zivilisation (…) ein bequemes Leben zu führen, hatte der Wehrpflichtige nicht die vaterländische und moralische Erziehung erhalten, die ihn auf das Drama vorbereitet hätte, in dem es um das Schicksal des Landes gehen würde.“ Man glaubte, Krieg ohne die Tugenden der Krieger führen zu können, denn das, was heute „Selbstverwirklichung“ heißt, war beherrschend.

Nicht anders die Politiker. Sie wollten dem Deutschen Reich Widerstand leisten, aber als der Krieg begann, überlegten sie unentwegt, wie sie ihn fernhalten könnten. Erst wollten sie unter dem Vorwand, Finnland gegen Stalin zu helfen, durch Schweden kommen und die für Deutschland lebensnotwendigen Erzgruben besetzen. Dann planten sie Luftangriffe auf die Ölquellen im Kaukasus und die Tanker im Schwarzen Meer, um Deutschland vom russischen Öl abzuschneiden. Und als der deutsche Angriff am 10. Mai 1940 beginnt, sind ihre Truppen zwar seit Monaten an den französischen Grenzen verteidigungsbereit, aber sie müssen – militärisch abwegig – in Belgien einmarschieren und dort dem Gegner im offenen Feld entgegentreten, um dem eigenen Land den Krieg zu ersparen.

Doch Kriege werden militärisch geführt, aber politisch gewonnen oder verloren. Also wird man bei der Betrachtung des Westfeldzugs auch die politische Wirkung anschauen müssen. Churchill lehnte weiterhin deutsche Friedensvorschläge und sogar Kontakte mit dem deutschen Widerstand ab; ein über­lebender „Hunne“ bedeute den nächsten Krieg, urteilt er am 13. Oktober 1940. Den Krieg will er fortführen. Ob das zum Vorteil Englands, Europas und vor allem der Juden war, ist strittig. Hätte sich Hitler nach einem Frieden nicht selbst gezügelt oder notgedrungen wenigstens zügeln lassen?

Unstrittig ist, daß Churchill 1940 ein politisches Meisterwerk vollbringt. Der militärische Beitrag seines Landes zum Frankreichfeldzug war gering. Zudem befahl schon am 26. Mai 1940 England seinen Truppen den Rückzug nach Dünkirchen. Aber das französische Oberkommando wurde erst am 28. Mai, als die Einschiffung schon begonnen hatte, davon unterrichtet und fühlte sich nun im Stich gelassen. So konnten sich die Briten mit lediglich 3.500 Gefallenen, die meist erst bei der Evakuierung zu Tode kamen, aus dem Debakel lösen. Die Nachwelt wird jedoch die unbequemen Tatsachen vergessen oder verschweigen und wird sich bald vor allem daran erinnern, daß vorwiegend französische Truppen geschlagen wurden und daß Frankreich um Waffenstillstand bat. Das erlaubt es, so zu tun, als wäre die Niederlage eine französische Angelegenheit gewesen und es erlaubt, die Evakuierung aus Dünkirchen zum Heldenepos zu stilisieren. Zudem wird Churchill argumentieren, natürlich habe man in London die französischen taktischen und strategischen Fehler erkannt, aber man habe aus Takt gegenüber einem Verbündeten geschwiegen, der den Großteil der Truppen ins Feld gestellt habe. So schob Churchill den Franzosen die Niederlage zu – und stärkte zugleich Englands Prestige.

Also ragen im politischen Feld deutsche Fehler heraus. Der militärische Sieg blieb ungenutzt. Das begann schon während des Feldzugs, als die englischen Truppen im Großraum Dünkirchen ab­geschnitten waren. Die deutschen Panzer hätten Dünkirchen wohl nehmen können. Dann wären fast alle britischen Offiziere, welche die später in Nordafrika, in Italien und in Frankreich kämpfenden englischen Truppen ausbildeten und führten, in Gefangenschaft geraten. Doch Hitler hat die Panzer angehalten. Vordergründig, weil Göring meinte, die Luftwaffe könne die Evakuierung über See verhindern, diese dann aber ohnmächtig vor schlechtem Wetter und unerwartet starkem britischen Jagdschutz stand. Indes: Hitler hätte sich wohl kaum von solchen und anderen Widrigkeiten aufhalten lassen, wenn es sich um ein anderes als das englische Heer gehandelt hätte, etwa das der „jüdisch-bolschewistischen Untermenschen“, wie er im kommenden Krieg gegen die Sowjetunion zu formulieren beliebte.

Es hat Hitler wohl an der Entschlossenheit gefehlt, die englischen Truppen zu vernichten. Der Grund ist einfach: Hitler hat England bewundert und hielt die englische Kolonialherrschaft für notwendig zur Bewahrung der Vorherrschaft der weißen Rasse auf der Welt. So hat er lange gebraucht, den Charakter des Krieges zu begreifen. England hatte jedoch schon den Ersten Weltkrieg als Kreuzzug gegen „das Böse“ geführt, wie vielfältige Zeugnisse beweisen. Im Zweiten Weltkrieg war diese „Kreuzfahrerei“ noch ausgeprägter, und manch einer wird sie nun als berechtigt beurteilen. Schon zur Zeit des Frankreichfeldzugs, lange vor den großen deutschen Verbrechen, urteilte Churchill, England kämpfe gegen eine „monströse Tyrannei, wie sie nie in dem beklagenswerten Katalog menschlicher Verbrechen übertroffen worden ist“.

Hitler hingegen hat lange geglaubt, ein Spiel mit begrenztem Ziel und deshalb nur begrenztem Einsatz zu spielen, vielleicht so, wie Bismarck 1866 Österreich nicht vernichten, sondern nur aus dem Deutschen Bund hinausdrängen und freie Hand in Deutschland wollte. Mithin ist bezeichnend, daß Hitler nach dem Frankreichfeldzug eine Parade zum Abschluß des Krieges vorbereiten ließ. Immerhin war vorauszusehen, daß ein Sieg über Deutschland England so viel Kraft abfordern müsse, daß es zu einer Macht zweiten Ranges absinken würde. Deshalb hat Hitler wohl erwartet, England werde nach dem Verlust seines polnischen und französischen Festlands­degens einlenken.

Noch wichtiger war wohl, daß Hitler zwar groß im Siegen und Zerstören, aber schwach im Aufbauen und Versöhnen war. Europa lag vom Nordkap bis zu den Pyrenäen und bald bis Kreta vor seinen Füßen. Zudem erwuchs bei manchem der besiegten Völker aus dem Abscheu vor jahrhundertelang aufgetretenen zerfleischenden Kriegen manch guter Wille zur Zusammenarbeit oder, wenn man so will, zur „Kollaboration“. Aber Hitler wußte mit den Siegen nichts Gedeih­liches anzufangen, nichts, was Hoffnungen geweckt hätte. Nirgends wurden vorhandene Kräfte gestärkt oder neue hinzugewonnen, welche die strahlenden Siege der Wehrmacht auf eine dauerhafte Grundlage hätten stellen können.

Ausschlaggebend für das Schicksal Deutschlands war aber, daß sich während des Frankreichfeldzugs schon der Feldzug ankündigte, den Deutschland nicht mehr gewinnen konnte. Bereits während der Kämpfe um Dünkirchen äußerte Hitler sich befriedigt, daß der sinnlose Krieg gegen England bald beendet sein werde, so daß er sich nun „seiner eigentlichen Aufgabe im Osten“ zuwenden könne.

Gleichzeitig wird Stalin aktiv, wohl weil er annimmt, das Reich werde lange im Westen gebunden und damit im Osten wehrlos sein. Von Finnland fordert er gewichtige neue Konzessionen, am Tage des deutschen Einmarsches in Paris präsentiert er den Litauern ein Ultimatum. Wenig später fallen auch Estland und Lettland. Ostpolen hat Stalin schon. Aber südlich schließt sich Rumänien an, dem er Bessarabien und die Bukowina abpreßt. Er stachelt die Bulgaren auf, die 1919 verlorenen Gebiete zurückzufordern, und nimmt mit Jugoslawien diplomatische Beziehungen auf. Der ganze Balkan gerät in Unruhe; das finnische Nickel und das rumänische Öl, ohne die Deutschland nicht auskommen kann, sind bedroht, und bei alledem ermuntert England Stalin kräftig, sich zu bedienen.

Mit dem unerwartet raschen deutschen Sieg in Frankreich tritt wieder Ruhe ein. Doch die Frage bleibt, was geschehen wäre, wenn der Feldzug sich festgefahren und zu einem langwierigen Ringen der Kräfte geführt hätte. Und damals blieb die Frage, was die Zukunft bringen werde.

Jedenfalls weiß der heutige Betrachter, daß der deutsche Sieg vom Mai/Juni 1940 nicht, wie manch einer zu jener Zeit geglaubt haben mag, der Beginn einer Friedensperiode gewesen ist. Hierfür fehlten alle Voraussetzungen. Wie alle politisch ungenutzten militärischen Siege war er ein Sieg ins Leere. Dennoch lohnt sich das Studium des Feldzugs. Er zeigt die Folgen des Auseinanderfallens von Zivil- und Militärpolitik, von Außenpolitik und Militärstrategie, und er führt die Folgen des Beharrens auf veralteten taktischen Grundsätzen vor Augen. Zudem zeigt er Leistungen deutscher Soldaten und erinnert mithin an die Worte, die Frankreichs Präsident Charles de Gaulle den Deutschen bei einem Staatsbesuch zurief: „Gott (…) weiß, wie schrecklich sie und wir gekämpft haben (…) Dennoch wollen beide Völker die Erinnerung an den entfachten Mut und an die erlittenen Opfer bewahren, weil die Ehre der Kämpfenden unangetastet geblieben ist. Denn wenn auch eine schlechte Politik zu Verbrechen und Unterdrückung führt, so gehört doch die Hochachtung, die sich die Tapferen entgegenbringen, zum sittlichen Erbe des Menschengeschlechts.“

Generalleutnant a.D. Dr. Franz Uhle-Wettler

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