Ein Kindermädchen für die Deutschen

2010Juni3Braucht Deutschland die Super ­Nanny? Auf jeden Fall! Denn wenn die Medienwissenschaftlerin Dr. Helga Theunert im Familienhandbuch davor warnt, daß die beliebteste Erzieherin der Nation „autoritäre Tendenzen“ verstärkt und so altmodische Dinge wie „Gehorsam“ als Erziehungsziel propagiert, dann lohnt sich ein Blick auf die resolute Fernsehpädagogin.

Ja, wir brauchen eine strenge Erzieherin. Denn die Anzeichen sind erschreckend: Die Jugendkriminalität steigt, die Verrohung der Gesellschaft nimmt zu. Gerade erst veröffentlichte die Hamburger Schulbehörde die neuesten Zahlen zu Gewalt an den Schulen der Hansestadt: Die Zahl der schweren Raub-, Sexual- und Drogendelikte ist im vergangenen Jahr um 42 Prozent angestiegen. Dazu kommt eine endlose Flut von Beleidigungen oder Drohungen, die in den meisten Fällen schon nicht mehr gemeldet werden, da Ausdrücke wie „Hure“ oder „Hurensohn“ in manchen kulturbereicherten Gegenden schon nicht mehr als Beschimpfung gelten. Welche Schulen und welche Stadtteile besonders hervorstechen, verschwieg die grüne Senatorin Christa Goetsch wohlweislich. Man wolle durch die Zahlen keine „Stadtteile stigmatisieren“. Rütli läßt grüßen.

Also her mit der starken Hand. Katharina Saalfrank, Tochter eines Pfarrers und einer Lehrerin aus Limburg/Lahn, greift seit 2004 ein, wenn Familien umzukippen drohen. Bisher konzentrieren sich die Einsätze von „Katia“ auf den unteren Rand der Gesellschaft. Auf die Kreise, die in unverantwortlicher Weise Kinder in die Welt setzen, ohne zu wissen, was sie mit ihnen anstellen sollen. Jeden Mittwoch gibt es klare Fernseh-Beweise für Patchwork-Familien aus der Hölle, erleben wir das Scheitern des Rollenmodells der zwanghaft berufstätigen Mutter, die mal eben nebenher auch noch „Familien-Managerin“ ist. Hier stranden alle diejenigen, welche die Botschaft der 68er von der totalen Befreiung, Selbstverwirklichung und Individualisierung zwar gehört, aber nicht verstanden haben. Nicht verstehen konnten – aus intellektuellen Gründen – und nicht leben konnten – aus finanziellen Gründen. Von der Botschaft der anti­autoritären Emanzipation kam bei diesen Leuten nur die dürre Zeile an: „Macht doch, was Ihr wollt!“
Jetzt melden die Gescheiterten (im Soziologendeutsch gerne „dysfunktionale Familien“ genannt) bei jeder Schwierigkeit „Überforderung“ – auch das ein Begriff, den Unterbelichtete gerne aufgreifen, um das eigene Versagen schönzureden. Was der gebildeten Ein-Kind-Familie aus der Mittelschicht recht ist, soll der Vier-Kind-drei-Hunde-Unterschicht-Truppe nur billig sein. „Überforderung“ wird immer dann gerne ins Feld geführt, wenn den Eltern die einfachsten Auf­gaben über den Kopf wachsen oder wenn nicht genügend Selbstdisziplin aufgebracht wird, um gegen Trägheit, Feigheit und Dummheit anzukämp­fen. Laufen unzumut­barerweise zwei Ter­mine an ein und demselben Tag auf – etwa die Meldung beim Arbeitsamt und ein Gang zur ­Tanke, um Zigaretten zu holen –, bleibt keine Energie mehr, um sich auf die schwererziehbaren ­Kinder einzustellen, die erst durch das schlechte Vorbild dieser Eltern so geworden sind, wie sie sind.

In einem Volk, in dem Selbstverantwortung systematisch abgebaut wird, in dem bei jeder sich bietenden Gelegenheit nach dem Staat gerufen wird, ist es nur folgerichtig, daß sich asoziale Eltern zurücklehnen, ihre Kinder verwahrlosen lassen und nach Hilfe von außen rufen, wenn es beinahe schon zu spät ist. Schuld sind immer die Umstände: zu wenig Hartz IV, die hohen Preise für Fertiggerichte oder Drehtabak, die schlechte Betreuung durch Arbeitsagentur oder Jugendamt. Und überhaupt – die kleinen Leute haben es ja immer so schwer. Kann man sich selbst nicht benehmen und bekommt in Schule oder Arbeitsplatz einen Rüffel, geriert man sich gleich als Mobbing-Opfer und ruft wieder nach Hilfe, Therapie, Geld – und Strafe für den vermeintlichen Peiniger.

Katharina Saalfrank ist eine von den Guten. Sie ist die Galionsfigur der versammelten TV-Experten, von denen die Mehrzahl zweifelhafte Referenzen aufzuweisen hat. Doch Saalfrank ist studierte Pädagogin und hat immerhin selber vier Kinder, die sie zusammen mit ihrem Mann in Berlin großzieht. Im letzten Wahlkampf engagierte sie sich für die SPD – quasi als Gegenkandidatin zur Übermutter Ursula von der Leyen. „Katia“ hält sich trotz ihrer großen Bekanntheit komplett aus der Klatschpresse heraus. Ihr Engagement für die Familien ist glaubwürdig. Ihr Rezept: Redet miteinander; versucht, Euch zu verstehen. So simpel, so effektiv. Wenn sie nach zehn Drehtagen den Tatort verläßt, ist die Welt dort ein wenig heller geworden. Wann die nächsten Regenwolken wieder aufziehen, liegt nicht in ihrer Hand.

Wie viele andere Erfolgs-Formate des Fernsehens stammt die Super Nanny aus Großbritannien, wo sich bereits in den 1990er Jahren ein Heer von Experten darum kümmert, daß die Fernseh-­Nation sich richtig ernährt, kleidet, einrichtet, richtig Kinder bekommt und Gärten anlegt.

Unweigerlich schwappt die Unsitte des ungefragten Expertentums auch nach Deutschland über – immer der Logik folgend, daß das Volk erst bewußt verdummt wird, um dann von Licht­gestalten auf der Mattscheibe belehrt, korrigiert und geführt zu werden.

Vom unvergessenen Motivations-Spektakel Tschakka! Ich schaff das! bis zu Vera Int-Veens Helfer mit Herz – die Liste der Fernseh-Hilfsangebote ist lang.
Die „Self-Help“-Welle aus den angelsächsischen Ländern – wo Ratgeber-Bücher à la Sorge Dich nicht, lebe – ein Viertel des Buchmarktes ausmachen – durchdringt auch im deutschen Privatfern­sehen mittlerweile alle wesentlichen Bereiche des Alltagslebens: Angefangen von Unser Baby über Unsere erste gemeinsame Wohnung,  Teenager außer Kontrolle, Endlich wieder Arbeit, Würstchenmillionär (ab Herbst 2010 bei Kabel 1), Das Model und der Freak (Kuppel-Show für Schwerverkuppelbare bei Pro Sieben) bis zum Papst der Helferlein, Peter Zwegat, und zu seiner Erfolgssendung  Raus aus den Schulden (bis zu fünf Millionen Zuschauer). Die Rundum-Sorglos-Betreuung durch das Leitmedium vermittelt das wohlige Gefühl, daß man selbst mit 200.000 Euro Schulden noch eine zweite, dritte, vierte Chance bekommt. Und das auch noch öffentlich zeigen darf, ohne abgestraft zu werden.

Die Fernsehmacher denken natürlich immer weiter. Passend zur Wirtschafts- und Finanzkrise, geht Tine Wittler mit einer neuen Sendung an den Start: Die „pralle Prinzessin“ (Selbstbezeichnung) half seit 2003 ratlosen Familien bei der Umgestaltung ihres Wohnraums in Einsatz in vier Wänden. Seit 16. Mai hilft sie in Unterm Hammer verzweifelten Hausbesitzern, ihr Eigenheim zu versteigern. Und am 26. Mai testet RTL, ob sich die Zuschauer dafür interessieren, wie Psychiater Dr. Christoph Heck einen Rauschgiftsüchtigen zu therapieren versucht. Geht’s vielleicht noch tiefer? Wie wäre es mit Raus aus dem Knast – zurück ins Leben? Oder Penner-Palast – Super Schlafstellen für Obdachlose?

Auch die Super Nanny setzt auf den Voyeur-Effekt, den soziales Elend offenbar hat. Die diplomierte Pädagogin läßt enthemmte Kinder gewähren, wenn sie ihre Eltern und Geschwister mit übelsten „F“-Wörtern überziehen oder dem kleinen Brüderchen kräftig in die Fresse hauen. Denn hier – so ist zu vermuten – liegt der Reiz für die beachtliche Anzahl von Kindern unter den etwa drei Millionen Zuschauern. Regelmäßig sehen bis zu einer halben Million Kinderchen ab drei Jahren zu, wie sich die Kandidaten vor der Kamera selbst erniedrigen. Ob diese Altersgruppe wirkliche Anteilnahme an pädagogischen Konzepten zeigt oder nur den Reiz von realer Gewalt und Pöbelei in ähnlich zerrütteten Familien wie der eigenen verspürt, ist noch nicht erforscht worden. Ob die überforderten Eltern (meist Mütter) die Regeln der ­Super Nanny auch durchsetzen können, wenn nach einer Woche Dreharbeiten die strenge Hand von „Katia“ nicht mehr da ist, steht zu bezweifeln. Insofern sind langfristige Nachwirkungen auf die Familie wohl nicht zu erhoffen. Was bleibt, ist der schale Nachgeschmack einer entwürdigenden Veranstaltung zur Belustigung eines ähnlich primitiv gestrickten Publikums, das sich an der noch elenderen Situation der Vorgeführten wol­lüstern ergötzt.

2.000 Euro Honorar für die zumeist am Existenzminimum lebenden Opferfamilien sind eben für manch einen genug, um sämtliche Schamgefühle sausen zu lassen und sich vor aller Welt hemmungslos bloßzustellen. Natürlich sollte auch der „schwerste Fall“ der Super Nanny, der 15jährige ­Danny aus Frankfurt/Oder, nicht un­erwähnt bleiben: Hier waren es nicht ­Erziehungsprobleme, sondern seine politische Ausrichtung, die den Einsatz der Super Nanny notwendig erscheinen ließ: Danny wünscht „Deutschland den Deutschen“, trinkt Bier mit seinen Kumpels und ist angeblich wegen Hakenkreuz-Schmierereien vorbestraft. Zu sehen war dann ein zartes Jüngelchen, dem die Macher eine „Böhse Onkelz“-Pudelmütze übergestreift hatten und der brav seine vorgeschriebenen Sätze aufsagte. Von Gewaltbereitschaft oder politischer Überzeugung keine Spur. Die Therapie der ­Super Nanny war gemeinsames Trommeln mit dem bösen Stiefvater. So einfach kann es sein, aus unnützen Mitgliedern der Gesellschaft wieder vollwertige Menschen zu machen. Natürlich durfte auch gleich die Neonazi-Aussteiger-Organisa­tion „Exit“ für ihre Dienste werben.

In gefährdeten (und gefährlichen?) „Migrantenfamilien“ durfte Katia bisher leider noch keine Wunder wirken. Offizielle Begründung des Senders: man wolle dem Zuschauer keine Untertitel zumuten. Das sollte die Fernseh-Macher vielleicht auf ein neues „Coaching“-Format bringen: Deutsch für Ausländer – damit wir deren Schimpftiraden besser verstehen.
Braucht Deutschland die Super ­Nanny? Ja, ja und nochmals ja: denn das Bedürfnis nach Anleitung, nach Führung, der Wunsch, das Richtige für seine Kinder zu tun, kann doch nur ungeteilten Beifall finden. Die Ausführung mag kritisiert werden. Die seelische Entblößung der Familie vor der Kamera ist mit Sicherheit problematisch. Aber Katharina Saalfranks Erfolg beweist, daß es mit der Kindererziehung in Deutschland schlecht bestellt ist. Und dieses Warn­signal kann gar nicht laut genug ertönen.

Volker Hartmann

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