„Importierte Kriminalität“: So terrorisieren kriminelle kurdisch-arabische Großfamilien unsere Hauptstadt
Eine Szene, wie sie in Berlin mittlerweile an der Tagesordnung ist. Hermannstraße, Nord-Neukölln, unweit der Bezirksgrenze zu Kreuzberg: Um zwei Uhr früh fallen rund 30 Männer mit Macheten und Baseballkeulen übereinander her, lautes Gebrüll erfüllt die nächtliche Straße, Blut spritzt auf das Kopfsteinpflaster. Als kurze Zeit später die Polizei am Ort des Geschehens eintrifft, sind die meisten Beteiligten über alle Berge. Nur drei der Schläger können die Beamten in Gewahrsam nehmen. Eine kurze Pressenotiz.
Wenige Tage zuvor: der ebenso spektakuläre wie skurrile Überfall auf ein Pokerturnier im Nobelhotel Grand Hyatt am Potsdamer Platz. Tagelang beherrscht die dreiste Tat die Schlagzeilen. Alle Tatverdächtigen können schließlich gefaßt werden – im Hintergrund haben Verrat und Intrigen den Ermittlungserfolg kräftig angeschoben. Für Mustafa U., Jihad C., Vedat S. und Ibrahim El Z. ist in der individuellen Verbrecherlaufbahnplanung nun erst einmal Pause angesagt.
Was beide Vorfälle gemeinsam haben? Sie führen ins Milieu der sogenannten „Araberclans“, ein Phänomen, das der Hauptstadt, aber nicht nur dieser, seit vielen Jahren ein dauerhaftes Sicherheitsrisiko beschert. „Wenn man kriminelle Großfamilien aus dem Verkehr ziehen würde, ginge es Berlin viel besser“, ist auch Bodo Pfalzgraf (46), der Berliner Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), überzeugt. Rund ein Dutzend arabische Großfamilien haben sich in Berlin eingenistet, auch einige türkische. Sie kommen auf zum Teil mehrere hundert Mitglieder, insgesamt schätzt die Polizei das Umfeld auf 4.000 Personen.
Gemeinsam ist ihnen, daß sie ihr „Einkommen ausschließlich über Sozialleistungen oder kriminelle Machenschaften beziehen“, so Bodo Pfalzgraf. „Und“ träfe es wohl besser als „oder“. Der Handel mit harten Drogen, Delikte im Rotlichtmilieu sowie Schutzgelderpressung sind die bevorzugten Betätigungsfelder dieser Clans, dabei ist ein besonders ausgeprägter Hang zur Brutalität feststellbar. Unterstrichen wird dieser Befund durch Art und Umfang der Waffensammlungen, die bei bisherigen Razzien sichergestellt wurden. Insbesondere der Straßenhandel mit Heroin sei fest in der Hand dieser Sippen, stellte schon 2008 der Berliner Kriminaloberrat Markus Henninger in der Zeitschrift „Kriminalistik“ fest. Ganze Straßenzüge hätten die arabischen Clans untereinander aufgeteilt. „Importierte Kriminalität“ nennt der praxiserfahrene Beamte das Phänomen treffend.
Was man über diese Verbrecher-Familien weiß, steht fast ausschließlich in Polizei- und Gerichtsakten, da zahlreiche Familienmitglieder notorische Straftäter sind. Und das Wissen ist dürftig genug: Es herrschen streng hierarchische, autoritäre Familienstrukturen, der Familienälteste, das Oberhaupt, hat immer das letzte Wort. Sein Regime beruht nicht auf echter Achtung, sondern auf der blanken Furcht der untergeordneten Familienmitglieder. Die Bildung ist noch niedriger als die Gewaltschwelle, eine Schule haben viele der Angehörigen noch nie von innen gesehen.
Die „Araberclans“ – in der Presse oft auch als „libanesische Kurden“ bezeichnet – zeigen geradezu exemplarisch den Umgang dieser weichgespülten Republik mit dem Phänomen „kriminelle Ausländer“. Am Anfang steht die Ignoranz: Vor dem Entstehen eines Problems werden die Augen fest verschlossen – und zwar so lange, bis das Problem nahezu unlösbar groß geworden ist. Darauf folgen ein paar halbherzige, untaugliche Versuche, die Katastrophe doch noch aufzuhalten. Und am Ende kapituliert der Rechtsstaat vor dem Gesetz der Steppe.
Im Fall der „arabischen Großfamilien“ lief das so ab: Die meisten erreichten Berlin als Bürgerkriegsflüchtlinge – gemeint ist der Bürgerkrieg im Libanon von 1975 bis 1990. Sie seien verfolgte Kurden, staatenlos, oft ohne Papiere. Berlin nahm sie auf, gutgläubig und voll des Mitgefühls. Schon 1987 erhielten vor 1981 nach Berlin eingereiste Asylbewerber aus dem Libanon ein „kollektives Bleiberecht“. Zwei Jahre später stärkte eine weitere sogenannte „Altfallregelung“ den Aufenthaltsstatus für „Flüchtlinge“, die in ihrer Heimat aufgrund ihrer Religion oder Volkszugehörigkeit „unzumutbare Nachteile“ zu befürchten hätten. Herzlicher hätte das „Willkommen“ der etablierten Politik kaum ausfallen können. Doch die morgenländische Mentalität legt solche Gesten instinktsicher als Schwäche aus.
Schon bald sollte sich herausstellen, daß zahlreiche der angeblichen Libanesen in Wirklichkeit aus der Türkei stammen, und zwar aus der arabischsprachigen anatolischen Provinz Mardin im Südosten des Landes. Dies hat eine im Jahr 2000 beim Landeskriminalamt eingerichtete Ermittlungsgruppe „Ident“ herausgefunden. Sie konnte bei rund 150 „Libanesen“ die türkische Herkunft nachweisen. Bis zur Auflösung der Gruppe Ende 2008 wurden 42 der Betrüger abgeschoben, weitere 45 reisten freiwillig aus. Aufgrund der verschleierten Identität und der oft fehlenden Papiere sind Ausweisungen jedoch nur selten möglich, sowohl der Libanon als auch die Türkei verweigern in aller Regel die Aufnahme der in Deutschland straffällig gewordenen Landsleute.
So auch im Fall des wohl bekanntesten Vertreters der „Araberclans“, des Unterweltkönigs Mahmoud al-Zein, genannt „der Präsident“. 1982 als Asylbewerber eingereist, zeigt er seine Dankbarkeit schon bald auf eine recht eigenwillige Weise. Nach Verurteilungen wegen Rauschgiftdelikten und seiner Überführung als türkischer Staatsbürger durch „Ident“ sollte er 2003 abgeschoben werden, doch die Türkei stellte sich quer. Nach geltendem Recht – so die Begründung – verliere die türkische Staatsbürgeschaft, wer bis zum Alter von 38 Jahren keinen Militärdienst abgeleistet habe, wie eben al-Zein. Selbst eine Intervention des damaligen Bundesinnenministers Schily in Istanbul half nichts. Im April 2005 wurde der „Präsident“ in Neukölln wegen bandenmäßig organisierten internationalen Drogenschmuggels verhaftet. 2006 folgte das Verfahren, in dem al-Zein letztlich nur zu vier Jahren Haft verurteilt wurde. Möglich war das Urteil überhaupt nur durch die überraschende Aussage der ehemaligen „rechten Hand“ des Drogenbarons. Der 37jährige hatte bereits acht Jahre Haft verbüßt, ohne seinen Chef zu verraten; da sich jedoch nie jemand um ihn gekümmert hat, war er jetzt rechtschaffen mürrisch. Womit ein weiteres Charakteristikum der „Araberclans“ offenbar wird, das auch Ermittlern auffiel: Im Gegensatz zu anderen kriminellen Formationen fehlt hier ein echter, tiefverwurzelter Zusammenhalt.
Das macht die Großfamilien angreifbar, für ihre Umwelt jedoch nicht weniger gefährlich. Um die lukrativen Einnahmequellen in Prostitution, Drogen- und Waffenhandel wird erbarmungslos gerungen, Schwächen des Gegners werden sofort ausgenutzt. Nach der Verhaftung von Mahmoud al-Zein versuchte insbesondere der konkurrierende Clan Abu-C., sich ein größeres Stück vom Kuchen zu sichern. Zuweilen gibt es „Kollateralschäden“: Als 2003 die Polizei die Wohnung von Yassin Ali-K. stürmte, schoß dieser wild um sich, ein Polizist wurde am Hals getroffen und starb. Fünf Jahre später überfuhr ein 19jähriger aus der Familie O. auf dem Berliner Kurfürstendamm einen Rentner und raste unbeirrt weiter. Hier sorgte allerdings das Schicksal für Gerechtigkeit. Nur wenige Wochen später setzte der Todesfahrer nach einem Einbruch seinen Wagen gegen einen Baum – und überlebte es nicht.
Daß es die arabischen Sippen aufgrund ihrer kriminellen Energie häufig mit Polizei und Justiz zu tun bekommen, trifft auf ihre ungeteilte Mißbilligung. „Deutsches Recht interessiert solche Banden nicht“, hat Bodo Pfalzgraf erkannt. Vor allem nicht bei internen Zwistigkeiten. „Verschwindet, das klären wir mit unserem Hodscha (=Religionsgelehrten), nicht mit euch!“ Das und ähnliches bekämen Polizisten immer häufiger zu hören, erklärt Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft. Ein konsequenter Ausdruck gestiegenen Selbstbewußtseins gegenüber einer Staatsmacht, die keine mehr sein will – jedenfalls nicht „Migranten“ gegenüber.
Bernhard Radtke
