Respekt gegenüber den Deutschen

Was mögen die anderen an uns Deutschen? Der in Frankfurt am Main lebende äthiopische Prinz Dr. Asfa-Wossen Asserate im Gespräch mit ZUERST!

2010Juni1Herr Dr. Asserate, der Mediziner und Aphoristiker Gerhard Uhlenbruck sagte einmal über uns Deutsche: „Wir sind ein Volk der Denker, denn wir denken immer daran, was andere wohl von uns denken.“ Ist da etwas dran?
Asserate: Ja. Die Deutschen sind sehr auf ihr Image bedacht. Das Ansehen – vor allem im Ausland – ist den Deutschen besonders wichtig. Sie haben sich immer schon sehr angestrengt, positiv wahr­genommen zu werden, und ich freue mich, daß diese Anstrengungen belohnt werden.
Was denken die Bürger anderer Staaten denn über uns Deutsche?
Asserate: Das ist sehr unterschiedlich. Aber man kann generell feststellen: Es gibt kaum ein Land auf dieser Erde, welches den Deutschen und dem Deutschen gegenüber nicht Respekt zollt.
Weswegen werden die Deutschen respektiert?
Asserate: Natürlich vor allem wegen ihrer unglaublichen Aufbau- und Wirtschaftsleistung. „Made in Germany“ ist weit mehr als nur eine Art Marke. Diese drei Worte auf einem Produkt stellen einen hohen Wert dar, sie stehen für Qualitätsarbeit und für Verläßlichkeit. Doch die Deutschen werden nicht nur wegen ihrer Wertarbeit geschätzt, sondern auch wegen ihrer vielen Dichter und Denker. In allen Ländern dieser Erde gibt es kaum jemanden, der die deutschen Philo­sophen des 18. Jahrhunderts nicht wenigstens namentlich kennt. Aber auch andere deutsche Denker, wie beispielsweise Karl Marx und Friedrich Engels, spielen heute noch eine große Rolle in der Welt – was immer wir auch hier von ihnen halten mögen.
Für viele Deutsche dürfte das Ergebnis der BBC-Umfrage, wonach die Deutschen das beliebteste Volk der Welt sind, überraschend sein. Warum eigentlich? Mangelt es uns an Selbstbewußtsein?
Asserate: Wenn man es so sagen möchte, ja. Vielleicht ist diese Bescheidenheit ja auch eine neue deutsche Tugend…
Sie meinen als eine Form des „Under­statement“?
Asserate: Nein, eher eine Form der Unsicherheit. Ich habe dafür aber großes Verständnis. Sie dürfen nicht vergessen, es gibt immer noch Länder auf dieser Welt, in denen die Deutschen auf eine Art und Weise dargestellt werden, die mit der Realität überhaupt nichts zu tun hat. Mir fallen da vor allem die USA oder Großbritannien ein. Die britischen Medien werden nicht müde, die Deutschen immer mal wieder als stahlhelmtragende, hackenschlagende Nazis darzustellen. Die englische Boulevardpresse geht mit Deutschland nicht gerade zimperlich um. Insofern freue ich mich umso mehr über das Ergebnis der BBC-Umfrage!
Was mögen Sie persönlich an den Deutschen denn besonders gerne?
Asserate: Ich bin seit dem siebten Lebensjahr mit Deutschland – vor allem aber mit der deutschen Sprache – liiert. Ich liebe diese Sprache, ich liebe die Dichtung von Johann Wolfgang von Goethe, von Friedrich Schiller und auch von Friedrich Rückert. Auch die Sprache Hofmanns von Fallersleben und Thomas Manns sind eine Wohltat. All dies ist mir mittlerweile sehr zu eigen geworden und wurde ein Teil von mir selbst. Ich habe einen großen Respekt vor der deutschen Philosophie des 18. Jahrhunderts, die einen immensen Einfluß auf die europäische Aufklärung ausübte. Ich verehre die abendländische Kultur, die ich in diesem Lande in Fülle finde und auch die Musik aus Deutschland. Das sind alles Institutionen, die mich an Deutschland binden. Die Offenheit und die Gastfreundschaft der Deutschen beeindrucken mich auch immer wieder aufs neue.
Sie erwähnen Gastfreundschaft und Offenheit. Vor allem die eigenen Politiker unterstellen uns immer wieder, wir seien fremdenfeindlich…
Asserate: Fremdenfeindlichkeit ist doch keine deutsche Eigenschaft! Deshalb erwähnte ich ja auch speziell die deutsche Offenheit, die ich immer wieder hierzulande erfahre. Es sind doch vor allem die Deutschen, die neugierig und offen auf Fremdes zugehen. Sehen Sie sich doch nur einmal hier um! Wie sieht der Alltag in einer deutschen Stadt aus? Wohin gehen die Deutschen essen? Sie gehen zum Italiener, zum Franzosen, sie essen japanisch und griechisch. Es gibt allein in Frankfurt 14 äthiopische Restaurants. 90 Prozent der Gäste, die ich dort sehe, sind Deutsche.
Woher kommt dann die Skepsis der deutschen Politik gegenüber dem eigenen Volk?
Asserate: Das verstehe ich ehrlich gesagt auch nicht. Ich sehe auch nicht, daß es in Deutschland ein besonderes Problem mit der Fremdenfeindlichkeit gäbe – im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern. Xenophobie in homöopathischer Dosis ist ein Bestandteil in der Realität aller Staaten dieser Erde.
Kann es vielleicht auch damit zu tun haben, daß man es hierzulande – zumindest seitens der offiziellen Politik – mit der Unterscheidung von konservativ – rechtskonservativ – rechts – rechtsradikal nicht allzu genau zu nehmen scheint?
Asserate: Sehen Sie, hier wird leider oft konservativ mit reaktionär gleichgesetzt. Das ist aber nicht der Fall. Konservativ zu sein heißt doch nicht, die Asche zu bewahren, sondern die lodernde Flamme weiterzutragen. Es geht um gute Werte, die sich über die Jahre, ja Jahrhunderte tradiert und bewährt haben. Aber mal Hand aufs Herz: Gibt es überhaupt „konservative“ Parteien in Deutschland? Ich kenne nur Parteien, die sich selbst als „liberal“ bezeichnen. Vielleicht die CSU in Bayern?
Auch die bezeichnet sich unter anderem als „liberal“…
Asserate: Sehen Sie. Das meine ich. Das sind nicht meine Worte, sondern die Worte der etablierten Parteien: Alle bezeichnen sich als liberal – egal ob SPD, FDP oder CDU.
Sie haben die deutschen Philosophen des 18. Jahrhunderts erwähnt…
Asserate: Ja, ich verehre sie sehr…
Der einflußreiche US-amerikanische Schriftsteller Paul Berman bezichtigt in seinem Buch Terror und Liberalismus genau jene deutschen Philosophen als Haßprediger, die heute dem Terrorismus geistige Nahrung zuführen würden. Berman schreibt: „Die gesamte muslimische Welt ist von deutschen Philosophien aus längst vergangener Zeit überschwemmt worden – den Philosophien des revolutionären Nationalismus und Totalitarismus, clever in muslimische Dialekte übersetzt. Lassen wir die Deutschen in der gesamten Region von Tür zu Tür gehen und eine Rückrufaktion durchführen. Sie können sich nützlich machen.“
Asserate: Es mag sein, daß einige mus­limische Fundamentalisten in ihrem Haß gegenüber Israel in eklatanter Weise das NS-Regime glorifizieren. Aber trotzdem macht Berman doch einen gewaltigen Fehler!
Welchen?
Asserate: Er versteht die deutsche Philosophie offensichtlich nicht. Er spricht wohl vor allem über die deutschen Philosophen des 19. Jahrhunderts, die unter dem Eindruck der Befreiungskriege und der Vernichtung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation durch Napoleon gestanden haben. Doch was ist daran verkehrt, nach einem demokratischen Nationalstaat zu streben, wie es etwa Hofmann von Fallersleben tat?
Die erste Strophe des von Fallersleben gedichteten Deutschlandliedes, die mit „Deutschland, Deutschland über alles“ beginnt, wird heute doch fast überall genau mit der Sichtweise Bermans als ­aggressiv-nationalistische Parole gedeutet…
Asserate: Das ist aber Unsinn. Damit meinte Fallersleben doch nicht, daß Deutschland hinausstürmt, um die Welt zu besetzen. Es bedeutet: Laßt uns endlich der Vielstaaterei auf deutschem Boden ein Ende bereiten und ein „Deutschland, einig Vaterland“ errichten. Darin drückt sich auch die Sehnsucht und die Liebe nach dem alten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation wiederum aus, welchem – ich sagte es bereits – Napoleon den Todesstoß versetzt hatte. Sie dürfen nicht vergessen: In jener Zeit erlebten die Deutschen die Blütezeit ihrer Kultur.
Woran lag das?
Asserate: In Deutschland gab es um 1850 mehrere Hundert Theater und Opernhäuser. Wieviele gab es wohl in Frankreich oder in England zu jener Zeit? Deutschland stand kulturell absolut an der Spitze. Es war eine kolossal ergiebige Zeit. Die Deutschen haben Sprachen erforscht, ganze Kontinente bereist, Pflanzen und Tiere katalogisiert, ihre eigenen Märchen und Sagen für die Nachwelt niedergeschrieben und konserviert.
Gibt es sie noch, die „deutschen Tugenden“?
Asserate: Hier und da sind sie noch zu finden. Vor allem bei vielen mittelständischen Unternehmen sind diese Tugenden noch lebendig. Genau jene deutschen Tugenden: Fleiß, Bescheidenheit, Ehrlichkeit und Verläßlichkeit haben die deutschen Kaufleute zu den ehrbarsten der Welt gemacht. Die „deutsche Kaufmannsehre“ war weltberühmt. Deutscher Kaufmann – das war eine Qualitätsbezeichnung. Die aktuelle Finanz- und Bankenkrise zeigt uns aber auch, daß diese Tugenden in den betroffenen Branchen nicht allzu weit verbreitet sein können. Die Gier nach immer mehr – das hat nichts mehr mit urdeutschen Tugenden zu tun.
Die klassischen deutschen Tugenden als Schutzmechanismus vor Krisen?
Asserate: Absolut. Schon Friedrich Hölderlin fragte warnend: „Gibt es auf Erden ein Maß? Es gibt keines.“
Die deutsche Sprache galt bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges als „die“ Wissenschaftssprache. Denken Sie, daß das auch noch heute von Bedeutung ist?
Asserate: Nicht in diesem Maße, obwohl Deutsch in Osteuropa an Popularität ­gewinnt. Und gottseidank gibt es noch Deutsche, die den Verfall ihrer Sprache laut beklagen. Leider gab es vor 150 Jahren nicht genug Kongreß­abgeordnete in den USA, die Deutsch als US-amerikanische Amtssprache durchsetzen konnten – sonst sähe die An­gelegenheit ganz anders aus. Obwohl Englisch heute eine Art „Lingua Franca“ der Menschheit geworden ist, sollten wir dennoch das Deutsche stets weiter perfektionieren und es so weit wie nur möglich von Anglizismen und Amerikanismen freihalten. Leider gibt es keine offiziellen staatlichen Institutionen, die die deutsche Sprache schützen würden.
Wir haben viel über die deutsche Geschichte gesprochen. Wer heute als Deutscher den Geschichtsunterricht in der Schule besucht oder Guido Knopps ZDF-Dokumentationen anschaut, könnte denken, die ganze deutsche Geschichte sei eine Horrorstory…
Asserate: Es ist natürlich Unsinn zu glauben, daß die deutsche Geschichte sich auf zwölf Jahre – von 1933 bis 1945 – beschränkt. Die Deutschen erfreuen sich einer über 1.000jährigen Geschichte, in deren Verlauf natürlich auch einige dunkle Schatten vorhanden sind. Aber wir sollten nicht vergessen, daß die Zeiten weit überwiegen, in denen die Deutschen sehr viel Gutes für die Menschen getan haben.
Kann es sein, daß die eingangs erwähnte Unsicherheit der Deutschen damit zusammenhängt, daß sich viele noch immer in einer Art „Kollektivhaftung“ fühlen?
Asserate: Ja, früher war es auf jeden Fall noch so. Mir fällt da eine Anekdote ein, die ich auch in meiner Autobiographie sehr ausführlich erzählt habe: Ich kam 1968 nach Tübingen, um dort zu studieren. Mit einigen deutschen Freunden bin ich ins Elsaß nach Straßburg gefahren. Dort hatten wir in einer studentischen Kneipe einen wunderbaren Abend mit Studenten aus den USA, aus Frankreich und aus England. Kurz bevor wir gingen, wurden wir gefragt, woher wir eigentlich kämen. Ich antwortete sehr stolz: „Ich bin ein Äthiopier!“ Die vier deutschen Kommilitonen, mit denen ich in Straßburg war, antworteten alle unisono: „Wir sind Österreicher.“ Das war mein erster großer Kulturschock! Als wir die Kneipe verlassen hatten, fragte ich meine Freunde: „Sagt mal, gibt es hier irgendwas, was ich noch nicht weiß?“
Und was antworteten sie?
Asserate: Sie haben mich ausgelacht und erklärten mir, daß man im Ausland nicht sagen könne, daß man Deutscher sei. Stellen Sie sich vor, das ist erst 40 Jahre her! Gottseidank werden Sie so etwas heute nicht mehr erleben. Kein Deutscher wird sein Land noch verleugnen.
Herr Dr. Asserate, ich nenne Ihnen nun buntgemischte „deutsche Begriffe“, auf die Sie bitte so schnell wie möglich antworten.
Asserate: Ich bin gespannt!
Gartenzwerg
Asserate: Spießigkeit!
Goethe
Asserate: Genialität.
Wirtschaftswunder
Asserate: Das größte Geschenk, das die Deutschen der Welt gegeben haben: die soziale Marktwirtschaft.
German Angst
Asserate: Mit Deutschland assoziiert – allerdings nicht nur hier vorhanden.
Romantik
Asserate: Ein Höhepunkt der deutschen Kultur.
Hermann der Cherusker
Asserate: Heldenhaft.
Hofmann von Fallersleben
Asserate: Ein großer Poet.
Neuschwanstein
Asserate: Bauwerk der Romantik.
Schlagende Verbindung
Asserate: Eine Form des Ungehorsams gegenüber bestehenden Eliten.
Preußen
Asserate: Tugendhafter Staat.
Bayern
Asserate: Liebenswürdiges Volk.
Weißwurst, Lapskaus oder Königsberger Klopse?
Asserate: Allesamt bodenständige deutsche Gerichte, die ich gerne mag.
Was raten Sie uns Deutschen?
Asserate: Macht Euch nicht so klein, Ihr seid nicht zu groß!
Herr Dr. Asserate vielen Dank für das Gespräch.

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