Die Deutschen werden wieder kräftig zur Kasse gebeten. Der britische Schriftsteller Frederick Forsyth erklärt im Gespräch mit ZUERST!, was in der Bundesrepublik Deutschland alles schiefläuft
Forsyth: Es scheint, als befänden sie sich nahe einem Nervenzusammenbruch. Wir haben es in der Bundesrepublik Deutschland mit einer „politischen Klasse“ zu tun – wie übrigens in Brüssel auch.
Politische Klasse?
Forsyth: Ja, eine Klasse von Politikern. Sie besuchen die gleichen Universitäten, studieren die gleichen Fächer, machen politische Karrieren. Aber eines mußten sie noch nie: sie haben noch nie eine Ernte eingefahren, noch nie selber in einem See gefischt, noch nie ein Haus gebaut. Kurz gesagt: sie sind einfach nur Politiker. Daher glaube ich, daß – wenn überhaupt – nur wenige von ihnen den leisesten Zweifel an der Berechtigung der für die Deutschen horrend teuren „Euro-Rettungsmaßnahmen“ hatten. Sie haben alle die aus ihren eigenen Reihen kommende Propaganda verinnerlicht.
Die Euro-Propaganda?
Forsyth: Richtig. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie vor etwa 15 Jahren getrommelt wurde: Alles werde wunderbar werden mit dem Euro, alles geschehe im Namen des „Fortschritts“. Alle Politiker waren ganz außer sich vor Freude – vor allem die deutschen –, als der Euro kam. Wissen Sie, mich erinnert das sehr an die Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern. Jeder sieht, daß da etwas gewaltig nicht in Ordnung ist, aber keiner sagt es. Das ist schon ein Stück Realitätsverlust.
Sehen Sie denn einen Unterschied zwischen der politischen Klasse der Bundesrepublik Deutschland und der Großbritanniens?
Forsyth: Ja, da gibt es große Unterschiede. Unser gegenwärtiges Problem in Großbritannien ist aber, daß wir langsam in das europäische Modell hineinschlittern. Was wir Briten nicht mögen, ist das, was wir sehen, wenn wir nach Brüssel blicken.
Was sehen die Briten in Brüssel?
Forsyth: Eine abgekapselte politische Klasse, die nichts mehr mit den Wählern gemein hat. Sie agiert völlig autonom, sie ist in sich geschlossen. Das gefällt uns Briten überhaupt nicht! Aber das sehen wir übrigens nicht nur in Brüssel, sondern – wie ich eingangs angedeutet habe – ebenso in Berlin, übrigens ähnlich in Italien usw. Wir vertrauen einer solchen Klasse nicht, und dafür verachtet diese uns wiederum. Daher sind wir in den europäischen Medien ja auch immer die „Bad Boys of Europe“ – die „bösen Jungs Europas“. Wir machen das alles nicht mit, wir treten ungern Souveränitätsrechte an Brüssel ab, und wir wollten und wollen nicht unser Pfund gegen den Euro eintauschen. Früher haben wir Briten unseren Politikern sehr viel Vertrauen geschenkt; seit Tony Blair und Gordon Brown hat sich das allerdings geändert.
Warum gerade mit diesen beiden Labour-Politikern?
Forsyth: Weil sie jedes Mal gelogen haben, wenn sich ihr Mund öffnete. Der Vertrauensverlust in die britische Politik ist nun das Resultat. Es gehörte zum guten Ton bei uns, seine Wähler nicht anzulügen, es ist ein Zeichen des Respekts. Wenn man jemanden achtet, lügt man ihn nicht an. Aber Ihr Deutschen habt da ja eine wesentlich größere Last zu tragen. Euch erzählte man pausenlos, wie großartig und stark der Euro werden wird. Was wir jetzt erleben, ist der Beweis des Gegenteils. Um es deutlich zu sagen: Was momentan mit der europäischen Einheitswährung geschieht, ist weit mehr als eine „kleine Ungemütlichkeit“, wie es eure Politiker euch immer wieder erzählen. Es handelt sich um eine gewaltige Krise. Noch schlimmer: eine Glaubenskrise. An den Euro mußte man ja glauben, er war ja quasi eine Art Ersatzreligion. Für uns Briten wiederum trifft das nicht zu. Wir haben nie an den Euro geglaubt.
Sie sagten, wenn man jemanden achte, lüge man ihn nicht an…
Forsyth: Genau so ist es!
Denken Sie, daß die etablierten deutschen Politiker ihre Wähler respektieren?
Forsyth: Auf keinen Fall. Mit Respekt hat das nichts zu tun. Ich war vor etwa zehn Jahren zu einem Symposium bei Bertelsmann in Berlin eingeladen. Damals sprach ich über Deutschland als eine „sterbende Demokratie“. Eigentlich hatte ich gefürchtet, gelyncht zu werden und meinte schon, Berlin nicht lebend verlassen zu können; zu meiner eigenen Überraschung erntete ich dann aber viel Zustimmung seitens der anderen Diskussionsteilnehmer. Ich habe darüber gesprochen, daß das deutsche Wahlsystem es ermöglich hat, daß sich eine politische Klasse festsetzen konnte, die immer und immer wiedergewählt wird. Wenn jemand in seinem Wahlkreis keine Mehrheit erhält, zieht er einfach über die Liste seiner Partei in das Parlament ein – sofern er sich darüber abgesichert hat. Selbst wenn die Deutschen es wollten, ist es ungemein schwer, einen Politiker einer etablierten Partei loszuwerden. Das ist ein echtes Problem für die Wähler und Steuerzahler, aber eine Luxussituation für Politiker und Parteien. Was soll ihnen schon passieren? Warum sollten sie ihre Wähler und deren Interessen respektieren? In Großbritannien ist das anders. Dort muß man in seinem Wahlkreis gewinnen, um in das Parlament einziehen zu können. Verliert man im Wahlkreis schon, ist man draußen. Eine „Politikerkarriere“ läßt sich so nicht sicher planen. Man muß wieder in das normale bürgerliche Leben zurückkehren, aus dem man vorher in die Politik gegangen ist. Ich halte das für sehr sinnvoll. Das ist Politik ohne Fallschirm. Aber das ändert sich auch bei uns in diesen Jahren, vor allem wegen der „Political Correctness“. Die Parteien spielen eine immer größere Rolle verglichen mit den Einzelpersonen, die gewählt werden können. Längst achten die Parteien auf bestimmte Proporzsysteme. Mittlerweile ist es auch bei uns wichtig, daß eine Quote Frauen, Farbiger oder Homosexueller ins Parlament einzieht. Aber trotzdem: Wenn man uns Briten die Entscheidung darüber, wer in unser Parlament einzieht, gänzlich nimmt, gehen wir auf die Barrikaden.
Warum gehen wir Deutsche eigentlich nicht auf die Barrikaden?
Forsyth: In meinen Augen sind die Deutschen ein sehr gehorsames Volk. Die Wendung „Befehl ist Befehl“ ist für uns Briten typisch deutsch. Die Deutschen hinterfragen auch viel zu selten, wenn die Regierung ihnen wieder einmal erzählt, warum sie dies oder jenes tun sollen. Da sind wir Briten ganz anders. Aber trotzdem tut sich in diesen Tagen etwas in der Bundesrepublik Deutschland. Ich sehe dort eine neue Entwicklung. Der sogenannte „kleine Mann von der Straße“ sagt heute: „Ich habe die Nase gestrichen voll.“ Die Ursache ist ganz klar das „Hilfspaket“ für Griechenland. Die fleißigen deutschen Steuerzahler verstehen nicht, warum sie für den maroden und korrupten Staatshaushalt Athens aufkommen sollen und fragen laut „Warum?“ Das hat es seit Einführung des Euro noch nie gegeben.
Herr Forsyth, warum lesen wir solche klaren Worte von Ihnen, einem britischen Schriftsteller, und nicht etwa von deutschen Intellektuellen?
Forsyth: Eine gute Frage. Ich war früher öfter Gast in deutschen Fernsehtalkshows. Schon damals sagte ich immer frank und frei, daß ich nicht an den Euro glaube. Ich erinnere mich noch sehr genau an eine Anekdote: In einer Werbepause einer dieser Talkshows fragte ich den Moderator, warum denn gerade ich als Brite immer wieder gegen den Euro argumentieren müsse. Er blickte mich total erschrocken an und antwortete: „Wir finden hier niemanden, der es wagt, das auszusprechen.“ Und warum nicht? Der Fall ist doch klar. Wer das damals als Deutscher gesagt hätte, dessen Karriere wäre am Ende gewesen. Ich als Brite konnte jedoch sagen, was ich dachte.
Wir sprechen jetzt über „Political Correctness“?
Forsyth: Natürlich. Das ist eine Form der „Political Correctness“ in der Bundesrepublik Deutschland. Die Frage, welchen Standpunkt man gegenüber der Europäischen Union (EU) einnimmt, gehört ohne Zweifel zu den wichtigsten Elementen der politischen Korrektheit in Deutschland. Die EU zu kritisieren, ist doch in der Bundesrepublik fast so, wie im Mittelalter Gott zu verleugnen. Wie gesagt: Als Brite bewegte und bewege ich mich noch heute außerhalb dieser bundesdeutschen „PC-Regeln“, daher darf ich sagen, was ich will.
Diese politische Korrektheit kostet uns Deutsche jetzt unermeßlich viel Geld. Handelt die Bundesregierung in der gegenwärtigen Krise eigentlich im nationalen deutschen Interesse?
Forsyth: Diese Frage beantwortet sich doch von selbst. Wenn wir aber das Agieren der politischen Klasse in Deutschland objektiv betrachten, müssen wir zu dem Schluß kommen, daß dieser gar keine andere Wahl bleibt. Die Vertreter dieser Klasse müssen tun, was sie tun. Sie müssen diese Milliardenpakete beschließen und deutsche Steuergelder in die maroden Haushalte anderer europäischer Länder pumpen.
Das ist erklärungsbedürftig. Warum bleibt ihnen nichts anderes übrig?
Forsyth: Weil es dem seit mindestens 30 Jahren geltenden Geiste ihrer Politik entspricht. Jetzt umzukehren, würde doch bedeuten, daß die etablierte Politik einräumen würde, sich jahrzehntelang geirrt zu haben! Das wäre ein politischer Offenbarungseid ohnegleichen. Seit Jahrzehnten ist die bundesdeutsche Politik bemüht, sich möglichst in ein europäisches Staatensystem einzubinden, Souveränität an Brüssel abzugeben. Der Begriff des Nationalstaates ist verpönt. Daher ist das, was wir derzeit erleben, nur eine logische Folge einer solchen Politik. Und was erwarten Sie jetzt? Daß ebendiese Politiker plötzlich sagen: „Oh, wir haben uns geirrt. Macht nix, jetzt machen wir’s anders“? Wenn sie sich zwischen der Rettung der EU und der Rettung ihres Landes zu entscheiden haben, dann wissen wir doch, wie die Entscheidung ausfällt.
Ein Überdenken einer solch verhängnisvollen Politik gegen die eigenen Interessen müßte doch beim Volk eigentlich gut ankommen.
Forsyth: Ich sagte bereits, daß wir hier über weit mehr sprechen als nur über Politik. Wir sprechen über Glaubensfragen. Was erwarten Sie? Daß Ihre Politiker plötzlich ihrem Glauben, ihrer EU-Religion abschwören?! Ich bitte Sie…
Vielleicht sind wir Deutsche auch schon daran gewöhnt, seit Jahrzehnten – eigentlich seit dem verlorengegangenen Zweiten Weltkrieg – die Zahlmeister Europas und der Welt zu sein?
Forsyth: Ja, das hat sicherlich etwas damit zu tun. Aber, um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Genug ist genug. Bereits 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Deutschen doch genug gezahlt. Da hätte das doch aufhören können. Diese dummen Menschen, die immer und immer wieder an den Zweiten Weltkrieg erinnern müssen, um damit die gegenwärtige Politik zu beeinflussen, schaden doch nur. Man könnte doch genausogut ständig die Franzosen an die Napoleonischen Kriege erinnern. Warum tut man das nicht? Weil es dumm ist! Meiner Meinung nach sollten die Deutschen viel stärker ihre nationalen Interessen vertreten. So stünde der Bundesrepublik Deutschland schon längst ein ständiger Sitz im UN-Sicherheitsrat zu. Ihr müßt endlich damit aufhören, euch ständig dafür zu entschuldigen, daß ihr Deutsche seid. Steht auf! Sagt doch endlich: „Ich bin Deutscher und stolz darauf!“ Wenn ich das daheim sage, bekomme ich stehende Ovationen!
Aber Herr Forsyth, in Deutschland würden Sie mit solchen Ansichten als gefährlicher Populist, als Rechtsradikaler gelten…
Forsyth: Ich bin ja zum Glück Brite, da braucht mich das nicht zu kümmern. Aber nochmal: Seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1949 hören wir ständig nur „Vergebt uns!“ aus Bonn und später aus Berlin. Hört endlich auf damit! Ihr seid das reichste Land Europas, seit der Wiedervereinigung 1990 seid ihre zudem das bevölkerungsreichste Land der EU. Wofür müßt ihr nicht alles bezahlen! Ihr habt die finanziellen Lasten der Wiedervereinigung getragen, ihr zahlt für ganz Südeuropa. Ich glaube, es ist noch nie zusammengerechnet worden, wieviel ihr Deutschen für Südeuropa insgesamt schon bezahlt habt. Darüber sollten die deutschen Steuerzahler dringend einmal unterrichtet werden. Ihr könnt euch doch selber die Dinge nicht leisten, die sich die Empfängerstaaten erlauben. Ich erinnere nur einmal daran, daß in Griechenland das Rentenalter bei 53 Jahren liegt – bei euch wurde das Eintrittsalter im Jahre 2007 auf 67 Jahre erhöht.
Der deutsche Steuerzahler weiß das meistens überhaupt nicht.
Forsyth: Richtig. Und wissen Sie, warum?
Sagen Sie es uns.
Forsyth: Weil es niemand den Deutschen sagt. Ich werde so oft gefragt, warum wir Briten so skeptisch gegenüber Europa und Brüssel seien. Die Antwort ist so einfach: weil uns von unseren Volksvertretern die Wahrheit gesagt wird. In der Bundesrepublik Deutschland ist das anders. Niemand sagt euch dort die Wahrheit über die EU, den Euro und über eure milliardenschweren „Hilfspakete“. Und dabei zahlt und zahlt und zahlt ihr die Zeche. Und ihr zahlt nicht etwa für Leute, die so hart arbeiten wie ihr selber, ihr zahlt für Griechen…
Informieren die britischen Medien ihre Leser denn besser als die deutschen?
Forsyth: Es gibt einen ganz gewaltigen Unterschied zwischen der deutschen und der britischen Presse. Die deutschen Medien wollen immer ein Teil des politischen Establishments sein. Eure Medien gehen mit der politischen Klasse ins Bett. In Großbritannien ist das anders. Unsere Medien wollen immer kritisch berichten, sie nehmen das politische Establishment ins Visier. Man erkennt diese Haltung sehr gut daran, wie in bundesdeutschen Medien über die EU berichtet wird. In der deutschen etablierten Medienlandschaft war immer klar: Man ist für die EU, egal ob es sich um ein linkes oder ein rechtes Medium handelt.
Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl sagte einmal in den 1990er Jahren, die Einführung des Euro sei eine Frage von Krieg und Frieden…
Forsyth: Totaler Quatsch!
Die deutschen Medien zitieren Kohls Worte immer wieder…
Forsyth: Was für ein Unsinn! Ich frage Sie nun: Wie oft hat in der Vergangenheit eine stabile parlamentarische Demokratie in Europa aus heiterem Himmel plötzlich einen Krieg begonnen? Richtig! Niemals. Was schließen wir daraus? Wenn wir unsere Demokratien in Europa beibehalten und pflegen, werden wir auch weiterhin Frieden haben. Ich sehe in Europa heutzutage ehrlich gesagt kein einziges Land, welches einen Krieg gegen ein anderes europäisches Land vorbereiten würde.
Ist vor diesem Hintergrund die schrittweise Abtretung staatlicher Souveränitätsrechte an die EU-Verwaltung in Brüssel nicht brandgefährlich? Immerhin handelt es sich bei der EU um alles andere als um eine Demokratie…
Forsyth: Die EU-Verwaltung in Brüssel ist von niemandem gewählt. José Barroso, der Präsident der Europäischen Kommission, sprach selbst einmal von einem „Imperium“ in bezug auf die EU. Was soll ich dazu sagen? Imperien sind keine Demokratien. Und Imperien sind natürlich gefährlich. Wir Briten haben jedenfalls keine Lust, Angehörige von Barrosos Imperium zu werden.
Die Deutschen aber offenbar schon…
Forsyth: Die werden sicherheitshalber von ihrer Regierung gar nicht erst gefragt. Die Deutschen finanzieren diesen Superstaat und leiden selbst darunter. Jetzt gerade wurde in Berlin beschlossen, Griechenland zu helfen. Aber auch in Spanien sieht es nicht rosig aus. In Portugal und Italien steht die Krise ebenfalls vor der Tür. Wie lange soll das noch so weitergehen? Wie lange will Bundeskanzlerin Angela Merkel das Geld der deutschen Steuerzahler noch verteilen? Sie sollte doch eigentlich als deutsche Kanzlerin zuerst an die Interessen der Deutschen denken. Meiner Meinung nach sollte sie die Deutschen wenigstens fragen, ob sie das wirklich wollen. Wäre das nicht demokratisch?
Herr Forsyth, vielen Dank für das Gespräch.
Frederick Forsyth, geboren 1938 in Großbritannien, ist weltbekannt durch seine zahlreichen Buch-Bestseller. Mit 19 Jahren war er jüngster Pilot der britischen Royal Air Force. Nach seinem Studium in Granada in Spanien war er ab 1963 als Journalist für die Nachrichtenagentur Reuters in Paris, Brüssel, Madrid, Budapest, Rom, in der Bundesrepublik Deutschland, in der DDR und in der Tschechoslowakei tätig. Als Fernsehreporter der BBC war er ab 1965 unter anderem in Westafrika. Mit mehr als 35 Millionen verkauften Büchern avancierte er zum unbestrittenen König des Politthrillers. Sein bekanntestes Werk ist Der Schakal. Forsyth lebt heute in der Nähe von London.

