Nach dem kaltblütigen Mord an einem 22jährigen Hamburger durch einen Migranten organisierten die Freunde des Opfers eine Mahnwache gegen Gewalt – ein Spießrutenlauf für die anwesenden etablierten Politiker
Zorn, Enttäuschung und Unverständnis steht den Menschen ins Gesicht geschrieben. Einige machen ihrem Ärger Luft und traktieren die Politiker auf der Bühne mit wüsten Beschimpfungen. Im Hamburger Ortsteil Harburg brodelt es. Rund 600 Menschen, die meisten aus Hamburg und Umgebung, haben sich am 6. Juli auf dem Platz vor dem Harburger Rathaus versammelt, um eine Mahnwache für den 22jährigen Pascal E. abzuhalten, der Ende Juni von einem 27jährigen Türken auf offener Straße erstochen wurde – einfach so.
Dieser kaltblütige Mord schockierte ganz Hamburg: Pascal war mit Freunden auf dem Heimweg von seiner Abifete. Dann stellte sich ihnen der Täter in den Weg, belästigte Pascals 19jährige Freundin Julia. Pascal ging dazwischen – das war sein Todesurteil. Der Täter zog ein Messer und stach zu, der unbewaffnete Pascal brach zusammen. Sechsmal stach der Türke auf Pascal ein, traf zweimal ins Herz. „Aus Notwehr“, wird der Täter später behaupten. Marcel K., ein Freund von Pascal, der dazwischengeht, wird in den Bauch gestochen. Freunde von Pascal verfolgten den Täter auf dessen Flucht vom Tatort und informierten die Polizei. Der Rettungshubschrauber kam jedoch zu spät. Pascal war tot.
Doch die zweite Ermordung Pascals, die in Medien und Politik, sollte erst noch folgen. Schnell wurde klar, daß Pascal sterben mußte, weil Politik und Justiz versagt hatten. Denn der Täter war bereits lange „polizeibekannt“. Im September 2009 wurde schon einmal Anklage gegen ihn erhoben. Der Grund: eine Messerstecherei. Im Juni 2009 soll der Täter vor seiner Stammkneipe einen Mann mit einem Messer grundlos verletzt haben. Und auch sonst ist er kein unbeschriebenes Blatt. Seit 2003 beschäftigt der Gewalttäter Polizei und Justiz. Aber immer wieder kam er davon. Warum war der Täter auf freiem Fuß? Warum läßt dieser Staat es zu, daß seine Bürger in Todesgefahr schweben, wenn sie nachts durch die Straßen gehen? Wer wird mehr geschützt – Opfer oder Täter? Diese Fragen sollten sich an diesem Abend Politiker der Harburger Stadtratsfraktionen stellen. Doch vorher gab es eine Schweigeminute für das Opfer.
Was danach kommt, läßt den Teilnehmern der Mahnwache die Galle hochkochen: Die vier sich windenden Harburger Parteien-Fraktionsvertreter Rainer Bliefernicht (CDU), Jürgen Heimath (SPD), Ronald Preuß (GAL) und Immo von Eitzen (FDP) geben ausweichende Antworten, reden über die „gesamtgesellschaftliche Verantwortung“ für die Gewalt. Die Harburger Lokalpolitiker sprechen über Probleme der Bildungspolitik und darüber, daß man „Demokratie und Rechtsstaat“ schützen müsse. Doch keiner wagt es, das Problem der Ausländerkriminalität anzusprechen. Der laut bekundete Unmut der Menschen auf dem Rathausplatz läßt nicht lange auf sich warten.
Als einer der Politiker sagt, man solle doch jetzt nicht alles dramatisieren, die „deutsche Jugend“ sei „bei weitem nicht so kriminell“, wie die Mahnwachenteilnehmer behaupteten, hallt es zurück: „Über die Deutschen reden wir hier doch gar nicht!“ Eine Frau, die ganz vorne steht, hat Tränen in den Augen. Ihr ist das alles zu viel. Vor allem die Frauen, sagt die Teilnehmerin gegenüber ZUERST!, fühlten sich auf der Straße besonders unsicher.
Das „Gefühl der Unsicherheit“, so ein anderer Teilnehmer der Mahnwache, sei mittlerweile „überall verbreitet“. Man habe das Gefühl, „daß der Staat sich verabschiedet, wenn die Sonne untergeht“. Thema an jenem Abend ist nicht nur der Mord an Pascal, sondern auch die unendlich vielen ähnlichen Vorfälle der Vergangenheit. Onur und Berhan sind Namen, die immer wieder fallen. Den beiden Jugendlichen wird zur Last gelegt, den 44 Jahre alten Dachdecker Thomas M. um 20 Cent angebettelt und ihn dann brutal mit Schlägen und Tritten traktiert zu haben. Schon vor der Tat ermittelte die Polizei wegen Körperverletzungen und Eigentumsdelikten gegen die beiden Angeklagten. Thomas M. starb knapp vier Wochen nach der brutalen Prügelattacke der beiden Migranten. Die Verletzungen waren so schwer, daß die Ärzte ihn trotz mehrerer Operationen nicht retten konnten. Die Hauptverhandlung gegen die beiden Täter im April platzte, die Jugendlichen mußten deshalb wegen Fristüberschreitung aus der Untersuchungshaft entlassen werden. Eine Beisitzende Richterin hatte im Chaos des Flugverkehrs nach dem Vulkanausbruch auf Island in ihrem Ferienort festgesessen. Prompt blieb Berhan in der Zeit nach der Untersuchungshaft nicht untätig. Er wollte seine Freundin Jennifer (18) überreden, für ihn „auf den Strich“ zu gehen, wie Zeugen später aussagten. Als Jennifer sich weigerte, schlug Berhan wieder zu und würgte sie. Die junge Frau mußte mit schweren Verletzungen in die Klinik, Berhan kam wieder in Untersuchungshaft.
Unzählige Teilnehmer der Harburger Mahnwache haben Kerzen und Fackeln mitgebracht. Der Moderator spricht über die große Enttäuschung und den Mißmut bei der Polizei. „Wie kann es sein, daß an einem Tag ein Täter verhaftet wird, er wenige Stunden später wieder auf freien Fuß gesetzt werden muß, und die Kollegen der Polizei ihn am nächsten Tag wieder am gleichen Ort bei einer kriminellen Handlung erwischen?“ Die Polizisten, die am Rande der Mahnwache stehen, nicken zustimmend. Je konkreter die Fragen, desto ausweichender und diffuser die Antworten der Politiker. Keiner, nicht ein einziger von ihnen, ist in der Lage, das Problem der wachsenden Migrantenkriminalität beim Namen zu nennen. Die Buhrufe und Pfiffe aus der Menge nehmen an Lautstärke zu, die Mitglieder der Grünen und der Jungsozialisten, die sich anfangs als Mitorganisatoren der Mahnwache beteiligt haben, streifen ihre Ordnerarmbinden ab und verlassen die Veranstaltung. Später wird Lena Mußlick, die Sprecherin der Grünen Jugend mitteilen, man dürfe eine Trauerveranstaltung nicht zum „Zweck hetzerischer, auf Angst aufbauender Meinungsmache“ mißbrauchen. Und auch die linksalternative Tageszeitung wird unter der Überschrift Die Stunde der Rechten kommentieren, daß viele Bürger die Gelegenheit nutzten, um „ihre ausländerfeindlichen Ansichten kundzutun“.
Dabei geht es an diesem Dienstagabend nicht um Ausländerfeindlichkeit, sondern um konkrete Maßnahmen gegen die ausufernde Kriminalität junger Migranten. Von Lösungsvorschlägen wie härteren Strafen, Abschiebung und schnelleren Verfahren wollen die etablierten Politiker nichts wissen. Stattdessen reden sie wieder über die „Milieus“ der Kriminellen, machen die Täter wieder zu den eigentlichen Opfern.
Als die Mahnwache nach eineinhalb Stunden zu Ende geht, ist niemand wirklich zufrieden. Die Menschen fühlen sich verschaukelt, sich nicht ernstgenommen. Und die Politik? Die macht weiter wie bisher. Am selben Tag, an dem die Mahnwache stattfindet, hat der Hamburger Sozialsenator Dietrich Wersich (CDU) doch noch eine wunderbare Idee, um der Kriminalität junger Migranten Herr zu werden: Eine Kombination aus „Erlebnispädagogik“ und „Antigewaltseminaren“ – natürlich beides auf Steuerzahlerkosten. Ein Teilnehmer der Mahnwache zuckt mit den Schultern: „Warum nicht gleich zwei Wochen Fernsehverbot?“ Die Ironie klingt verbittert, verzweifelt.
Manuel Ochsenreiter
